Gesundheit

60.000 Hamburger machen Betriebssport

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Daniela Stürmlinger

Immer mehr Firmen in der Stadt bitten ihre Beschäftigten zum Turnen, Schwimmen oder Tischtennis. Das Engagement zahlt sich für beide Seiten aus.

Hamburg. Sie recken und strecken sich, hüpfen und laufen um die Wette. Das Frühjahr naht - vor allem in dieser Zeit erinnern sich Freizeitsportler an ihre Vorsätze von Silvester. Der Speck, den man sich im Winter angefuttert hat, muss weg. Da hilft besonders Bewegung. Immer häufiger turnen die Sportler aber nicht allein, sondern mit den Kollegen. Immer mehr Firmen bieten ihren Beschäftigten Betriebssport oder auch ein betriebliches Gesundheitsmanagement an. Knapp 500 Hamburger Unternehmen, in denen 60.000 Mitarbeiter Sport im Betrieb machen, sind dem Betriebssportverband Hamburg (BSV Hamburg) angeschlossen. Der Verband veranstaltet unter anderem betriebssportliche Wettkämpfe, in denen die einzelnen Firmen in verschiedenen Sparten gegeneinander antreten. Aber er verlagert immer häufiger auch seine Tätigkeit zusammen mit den Hamburger Mitgliedsfirmen auf die Beratung und Implementierung von betrieblichem Gesundheitsmanagement in den Unternehmen.

Zum Beispiel Beiersdorf: vor 50 Jahren gegründet, mehr als 2250 Mitglieder, eine eigene Turnhalle nahe des unternehmenseigenen Forschungszentrums, jede Menge Lust am Sport und Vergünstigungen für Mitarbeiter beim Vertrag mit einem Fitnesscenter. Der Nivea-Hersteller gilt beim Thema Betriebssport als vorbildlich. Das sieht zumindest die Handelskammer so, die dem Konzern den SportMerkur verliehen hat, eine Auszeichnung für Unternehmen, die Sportförderung kontinuierlich und über mehrere Jahre hinweg betreiben. Von A wie Angeln bis Z wie Zumba, also rhythmischer Tanz. Mehr als 40 Sportarten werden in dem Unternehmen ausgeübt. Und Beiersdorf ist kein Einzelfall. Der größte Verein ist übrigens die Lufthansa Sportvereinigung (LSV). Mit den sechs Sparten Fußball, Gymnastik, Judo, Schwimmen, Leichtathletik und Tischtennis fing es 1956 in Hamburg an. Ganze 68 Gründungsmitglieder gehörten dem Verein damals an. Heute zählt der LSV etwa 4500 Mitglieder. In mehr als 34 Sparten bietet er Lufthansa-Mitarbeitern, deren Familien, Trainingspartnern und Freunden ein vielfältiges Programm, unter anderem in den nahe gelegenen Turnhallen, auf den Tennisplätzen oder auch dem Fußballplatz, der unweit des Geländes der Lufthansawerft liegt.

Beim Kupferhersteller Aurubis machen 163 Mitarbeiter beim Betriebssport mit. Die Sportarten sind Tennis, Schwimmen, Segeln, Tischtennis, Bowling, Squash, Radsport und Angeln. Den Betriebssport entdeckt hat gerade auch die PSD Bank. Sie geht einen eigenen Weg. "Wir haben Pedro Gonzales, Ex-Athletiktrainer des FC St. Pauli und der Hamburg Freezers engagiert", sagt PSD-Chef Dieter Jurgeit. "Unser Ziel ist, ein ganzheitliches Training zu entwickeln, in dem es neben der Bewegung auch um die Psyche geht."

Als Erstes führten der promovierte Sportwissenschaftler Gonzalez und sein Team vom Sports Performance Institute bei 20 Führungskräften eine Leistungsdiagnostik in Form einer Gesundheitsstraße durch. Dabei wird der physiologische Ist-Zustand der Teilnehmer ermittelt, auf dessen Basis individuelle Trainings- und Bewegungskonzepte erstellt werden. Nach sechs Monaten messen die Experten dann nach, sodass der Mitarbeiter weiß, wo er sportlich steht. "Daneben bieten wir psychologische Betreuung und Ernährungsberatung an", sagt Jurgeit. Mitarbeiter etwa, die dem steigenden Termindruck nicht mehr gewachsen sind, können sich von Experten beraten lassen. Alles geschieht in den Räumen der Bank in Wandsbek, die Wege sind kurz. Für Turnübungen wird zum Beispiel ein Besprechungsraum ausgeräumt. "Wir wollen alle möglichen Hürden abräumen, warum man gerade keinen Sport machen kann", so Jurgeit.

Die anderen 140 Mitarbeiter dürfen auf Kosten der Bank Entspannungsübungen wie Yoga oder autogenes Training ausprobieren. Zudem gibt es eine von der PSD finanzierte Laufgruppe. "In Zukunft wollen wir die Gesundheitsstraße allen Mitarbeitern anbieten", sagt Jurgeit. Der 54-jahrige Läufer und Fußballer will so erreichen, dass die Mitarbeiter zum Nutzen der Bank auch lange leistungsfähig bleiben.

"Grundsätzlich ist jede Art von Betriebssport positiv zu bewerten", sagt Klaus-Michael Braumann, Professor für Sportmedizin an der Universität Hamburg. "Aber am besten ist es, wenn ein Unternehmen nicht nur einen Teil, sondern die ganze Belegschaft in Form bringen kann." Ein Gutschein fürs Fitnessstudio reiche nicht aus. "Wir brauchen auch im Betriebssport ein Belohnungssystem", sagt er. So könnten, ähnlich wie bei der PSD Bank, unter anderem der Blutdruck, Bauchumfang oder der Cholesterinwert direkt im Unternehmen vor Ort untersucht werden. "Schon das regt manche Mitarbeiter zum Sport an", ist Braumann zuversichtlich. Damit die Beschäftigten nicht auf halber Strecke aufgeben, regt er eine Belohnung an. "Wer seine Werte nach einem halben Jahr verbessert hat, könnte zum Beispiel einen halben Tag Urlaub bekommen." Braumanns Hamburger Institut für Sport- und Bewegungsmedizin berät bereits bundesweit Firmen dabei, wie sie ihre Mitarbeiter zu mehr Gesundheitssport motivieren können. "Unser Projekt entwickelt sich zwar gerade erst, aber immer mehr Unternehmen haben bereits die Vorteile einer gesunden Belegschaft erkannt."

Laut der Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger ist ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) für die Wirtschaft eine Investition mit mehrfacher Rendite. Denn qualifizierte Mitarbeiter werden im Zuge des Fachkräftemangels zum Engpassfaktor. "BGM sichert die Leistungsfähigkeit der Belegschaft", heißt es in einer Studie des Unternehmens. Die Krankenkassen unterstützen das.

Die Vorteile für die Firmen liegen laut einer Studie des BKK Bundesverbandes und diverser weiterer Krankenkassen sowie der Initiative Gesundheit & Arbeit (iga) darin, dass die Muskel Skelett- und Herz-Kreislauf-Systeme sowie die Psyche profitieren. Dadurch bleibt die Leistungsfähigkeit länger erhalten, das Betriebsklima verbessert sich, und die Identifikation mit dem Unternehmen, das sich gleichzeitig als attraktiver Arbeitgeber positionieren kann, steigt. Um einen tatsächlichen Ausgleich zu Alltagsbelastungen zu schaffen, muss der Sport allerdings regelmäßig stattfinden. Wer nur kurz mitmacht und dann wieder zum Couch-Potatoe mutiert, hat wenig davon.

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