Bildung in Hamburg

Jede zehnte Grundschule muss Klassen vergrößern

Weil an 19 Standorten soziale Lage besser geworden ist, sollen 23 statt 19 Kinder gemeinsam lernen. An zehn Schulen ist es umgekehrt.

Hamburg. An 19 der 204 staatlichen Grundschulen werden die Klassen vom übernächsten Schuljahr wieder größer: Statt 19 werden dann 23 Kinder gemeinsam die Schulbank drücken, weil die Standorte nicht mehr als sozial besonders belastet gelten. Umgekehrt hat sich die soziale Lage an zehn Standorten so stark verschlechtert, dass mehr Lehrer eingesetzt werden, um kleinere Klassen zur intensiveren Förderung der Kinder bilden zu können.

Die Daten sind Teil der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Robert Heinemann. Wie berichtet, hatte Schulsenator Ties Rabe (SPD) eine Aktualisierung des Sozialindexes in Auftrag gegeben, der zuletzt 2008 ermittelt worden war. Der Sozialindex (auch KESS-Index) erfasst alle Schulen: Die Skala reicht von KESS 1 für Schulen in stark belasteten Lagen bis KESS 6 für Standorte in bevorzugter sozialer Lage. Die Einteilung wird anhand von 24 Kriterien ermittelt, die von der Arbeitslosenquote der Eltern über die Anzahl der Bücher zuhause, die Bildungsabschlüsse und das Einkommen der Eltern bis hin zu deren Deutschkenntnissen reicht.

Laut der Erhebung hat sich die soziale Lage leicht verbessert: Die Zahl der besonders belasteten Grundschulen mit dem KESS-Index 1 oder 2, der eine Klassenfrequenz von 21 Kindern bedeutet, hat sich von 63 auf 54 Standorte verringert. Andererseits: Rund ein Viertel aller staatlichen Grundschulen oder Grundschulabteilungen von Stadtteilschulen liegen in sozial belasteten Gebieten. Insgesamt änderte sich an 105 Grundschulen die Einstufung: In 64 Fällen verbesserte sich der soziale Status (zum Beispiel von KESS 3 nach 4), in 41 Fällen verschlechterte er sich.

Auch wenn die Auswirkungen nicht immer so erheblich sind wie beim Aufstieg von KESS-Index 1 oder 2 zu KESS 3: Auch bei der Zuweisung der Lehrerstellen für die Sprachförderung, die Ganztagsbetreuung und die Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf spielt der Sozialindex eine Rolle. Bei einer Grundschule mit Sozialindex 1 wird eine Quote von 7,6 Prozent von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zugrunde gelegt. Bei einer durchschnittlichen Größe von 300 Schülern entspricht das einer Zuweisung von drei zusätzlichen Lehrerstellen. Zum Vergleich: Eine gleich große Grundschule mit Sozialindex 4 (Quote förderbedürftiger Kinder: drei Prozent) hat nur Anspruch auf eine Dreiviertel-Lehrerstelle.

Auch bei den weiterführenden Schulen ist es zu Verschiebungen gekommen: Bei zehn der 57 Stadtteilschulen hat sich die soziale Lage der Schülerschaft verbessert, an 19 Standorten dagegen verschlechtert. Für die Gymnasien haben die Wissenschaftler des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) dagegen den umgekehrten Trend herausgefunden. An 18 der 60 Gymnasien hat sich die soziale Lage verbessert, an nur fünf Schulen verschlechtert.

Unter dem Strich bedeutet die neue Einstufung, die nach veränderten Kriterien gegenüber der letzten Erhebung 2008 erfolgt ist, dass weniger Fördermittel eingesetzt werden müssen. Daraus wird ein politischer Vorwurf. "Ich habe den Eindruck, dass bei der Neuberechnung des KESS-Indexes so lange an den Variablen herumgeschraubt wurde, bis der Schulsenator seine Einsparungen zusammenhatte", sagte CDU-Bildungspolitiker Heinemann.

"Der Vorwurf, es handele sich um einen Spar-Index, ist absurd", konterte Schulbehördensprecher Thomas Bressau. Einige Schulen bekämen mehr, andere weniger Personal zugewiesen. "Die Personalausstattung bleibt auch nach der Umsetzung der neuen Sozialindizes fast gleich", sagte Bressau. Die Zahl von 12.600 Lehrerstellen schwanke lediglich um plus oder minus 0,1 Prozent.

Doch Heinemann hat auch im Detail Bedenken. "Es fällt auf, dass die Einstufungen nicht immer nachvollziehbar sind", sagte der CDU-Politiker. Die Grundschule Thadenstraße in Altona habe zum Beispiel den gleichen Sozialindex wie die Grundschule der Stadtteilschule Eppendorf. "Dabei zeigt ein Blick auf die Detailergebnisse, dass die sozialen Verhältnis sehr unterschiedlich sind", so Heinemann. Zudem hätten etwa die Grundschulen in Iserbrook den gleichen Index wie im wohlhabenden Duvenstedt. Heinemann will mit einer weiteren Anfrage nachhaken, wie es zu den Einstufungen kam.