Jagen

Pirsch vor der Großstadtkulisse am Mümmelmannsberg

Philipp Eulenstein betreut das Revier in Mümmelmannsberg und kämpft mit Müllsündern, angefahrenen Tieren und frei laufenden Hunden.

Mümmelmannsberg. Die Silhouette der verschachtelten Hochhäuser von Mümmelmannsberg ragt hinter den Feldern im Dunst des stillen Wintertages empor. Es ist kalt, feucht, und der aufgeweichte Boden klebt dick an den Stiefeln des Jägers Philipp Eulenstein. Der 28-Jährige sucht mit dem Fernglas einen Knick ab. Eine aufgescheuchte Schwarzdrossel flattert im Tiefflug neben den Haselnussbüschen. Obwohl die Massensiedlung einige Hundert Meter entfernt ist, trägt der Wind Kindergeschrei heran. Immer wieder ertönt "Hossa! Hossa! Hossa!"

Dann folgt plötzlich wütendes Gekläffe mehrerer Hunde, die in heftigen Streit geraten sein müssen. Idylle ist etwas anderes.

Seit 2004 hat Philipp Eulenstein den Jagdschein, und das Revier Kirchsteinbek-Billbrook ist sein Jagdbezirk, der zwischen der Havighorster Feldmark, Oststeinbek und dem Altspülfeld Kirchsteinbek liegt. Doch: Jagen ist hier etwas anderes. Die Pirsch über die Felder gilt meist dem Müll, wildernden Hunden, die Rehe hetzen - und verletzten Wildtieren, die dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen sind.

Zünftig grün gekleidet in Lederbüx, Wachsjacke und mit Lodenhut streift der Waidmann mit seinem Hund Bella langsam am Knick längs. "Es ist verblüffend, wie viel Müll hier landet", sagt er. Tatsächlich liegen Dutzende blauer Müllsäcke im Knick mit anderen Tüten, Plastikwannen und Gerümpel. "Offensichtlich sind Mülltouristen mit Autos unterwegs, die jede Gelegenheit zur unbeobachteten Entsorgung nutzen", sagt Eulenstein. Daher seien auch alle Wege mit verschlossenen Schranken gesichert.

Ein junges Paar mit einem Kinderwagen grüßt beim Spaziergang vom Weg freundlich den Jäger. Philipp Eulenstein lächelt und grüßt zurück. Der junge Mann entspricht so gar nicht dem Bild eines Halali-freudigen Jägers. Mit seinem frischen, offenen Gesicht und der verspielten Münsterländer-Hündin an der Leine gelingt ihm schnell der Kontakt zu Menschen. "Das muss ich auch", sagt er, "denn ich erkläre gern die Revierarbeit." Viele Menschen reagieren freundlich. "Doch leider bin ich häufig gezwungen, Hundebesitzer auf die Gefahr ihrer frei laufenden Hunde hinzuweisen", sagt Eulenstein.

Immer wieder würde es vorkommen, dass Hunde Wild zu Tode hetzen. "Da wird dann ein Reh so lange gehetzt, bis es in einem Zaun hängen bleibt und qualvoll verendet." Doch der Jäger hat es sich zum Prinzip gemacht, erst mal freundlich zu bleiben und zum Beispiel zu erklären, dass besonders Rehwild den Beutetrieb der Hunde anstachelt, weil es sofort flüchtet und sich nicht wie ein Hase in den Boden duckt und versteckt. Ein Jäger müsse heute Argumente haben und nicht sofort unfreundlich werden, wie es leider auch passiere. Gejagt hat Philipp Eulenstein im vergangenen Jahr auch: vier Stück Rehwild.

Eulensteins Revier ist eines von rund 80, in denen in Hamburg die Jagd ausgeübt wird. Sie liegen meist am Stadtrand in landwirtschaftlich geprägten Bereichen. Diese Flächen machen zusammen mit dem Wald immerhin fast ein Drittel der Gesamtfläche der Stadt aus. Neben diesen Jagdgründen sind in Hamburg Jäger noch in den sogenannten befriedeten Bezirken innerhalb der stark besiedelten Flächen unterwegs. Dazu zählen die öffentlichen Parks, Friedhöfe und auch private Flächen. Wie sieht es im Revier Kirchsteinbek-Billbrook hier mit der eigentlichen Jagd aus? "Wir haben nur noch Niederwild im Revier, also Rehwild, Hasen und Füchse. Schwarzwild, also Wildschweine, gibt es nicht mehr", sagt Philipp Eulenstein. Doch auch Hasen seien sehr selten geworden. "Die sterben hier aus, weil die Monokulturen auf den Feldern nicht die 30 verschiedenen Kräuter aufweisen, die ein Hase zum Überleben braucht." Auf den Feldern wachsen nun bei den winterlichen Temperaturen Raps und Roggen. Bis zum Horizont reichen die Monokulturen.

Der Abend kommt langsam ins Revier. Es wird noch diesiger. Aus der Siedlung kommen nun mehr Spaziergänger. Wild ist nicht zu entdecken. Nur eine Krähe krächzt ohne Pause. Urgroßvater, Großvater und Vater waren oder sind Jäger und haben auch hier "gewaidwerkt". Vom Großvater hat Philipp Eulenstein die verzierte Suhler Büchsflinte mit einem Schrot- und einem Kugellauf geerbt. Warum trägt er ein Gewehr jetzt in der Schonzeit, die noch bis Mai dauert? "Um gegebenenfalls ein Tier zu erlösen. Denn es kommt häufig vor, dass ein auf der Straße angefahrenes Stück in die Feldmark geht", sagt er. Als Stück wird in der Jägersprache ein Einzelexemplar einer Wildart bezeichnet, "wenn das Geschlecht nicht angegeben werden soll oder kann" (Lexikon der Waidmannssprache).

Daneben sei der Fuchs "das ganze Jahr auf", also zu bejagen, weil dessen Bestände wegen der Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts kurz gehalten werden sollen. Philipp Eulenstein erklärt: "Der Fuchs muss konsequent bejagt werden. Das gilt der Verhinderung eines Tollwutausbruchs. Und der Fuchs ist ein Nesträuber. Er leert die Gelege der Bodenbrüter."

Auf dem Rückweg fällt ein Mäusebussard auf, der in einer großen Eiche an der Straße sitzt. "Der ist nun wirklich auf der Jagd, denn er wartet auf Verkehrsopfer, zum Beispiel eine verletzte Taube." Für Philipp Eulenstein ein wichtiges und schwieriges Thema. "Die Straße erfüllt heute schon die Abschussquote der Jäger", sagt er. Denn die Zahl der Wildunfälle steigt ständig. Der Grund sei, dass in den Naturschutzgebieten wie den nahen Boberger Niederung gar nicht mehr gejagt werde und es so immer mehr Wild gebe, das in neue Reviere dränge.

"Mehr als zehnmal pro Jahr ruft mich nachts die Polizei, um ein angefahrenes Tier zu erlösen, was eigentlich die Aufgabe der Polizei ist." Gern macht das Philipp Eulenstein nicht. "Doch ich betrachte es als meine Aufgaben, weil das Verhältnis der Menschen zur Jagd immer noch zwiespältig ist. Auf der einen Seite wird die Jägerschaft kritisiert, doch wenn es gilt, Tiere von ihrem Leiden zu erlösen, oder wenn Wildschweine den Garten verwüsten, heißt es Jäger, komm und handel." Rund 40 Stunden verbringt Philipp Eulenstein pro Monat im Revier vor der Kulisse von Mümmelmannsberg.

Die meiste Zeit geht für Kontrollgänge wie heute drauf. Eulenstein spricht dabei auch von "Pirsch". Hinzu kommen die Ansitzjagd in mondhellen Nächten oder in der Morgendämmerung und die Hundeausbildung im Feld, was Bella viel Spaß mache. Gut erzogen ist sie jedenfalls: Der Hund springt ohne Aufforderung in den Wagen, sobald die Heckklappe offen steht.