Atomkraft: Konzernchef zu Blitzbesuch in Kiel

Vattenfall trennt sich von Krümmel-Werksleiter

Das Unternehmen Vattenfall will den Reaktor unbedingt weiter betreiben. Die Kieler Atomaufsicht prüft die Zuverlässigkeit des Versorgers.

Für Tuomo Hatakka, Vorstandschef von Vattenfall Europe, ist sein Blitzbesuch in Kiel ein Gang nach Canossa. Der Vorstandschef von Vattenfall Europe eilte gestern Nachmittag zu Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), um sich für die Pannen in Krümmel zu entschuldigen und dem Regierungschef zu danken. Carstensen hatte den ahnungslosen Atommanager am Sonnabend über den Störfall informiert.

Hattaka machte im Gespräch deutlich, dass Vattenfall den Siedewasserreaktor weiter betreiben will. Die ersten Weichen für eine Bestätigung der Betriebslizenz hatte der Atommanager am Morgen gestellt. Der Finne feuerte Kraftwerkschef Hans-Dieter Lucht (60) und kündigte an, dass die beiden betagten Transformatoren ersetzt werden. Die neuen Trafos sind frühestens im April 2010 lieferbar. So lange steht Krümmel still.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) begrüßte den Trafo-Tausch, ließ aber offen, wie die Zukunft Krümmels aussieht. "Ob es überhaupt zu einem Wiederanfahren kommt, hängt von der weiteren politischen Debatte und der Entscheidung meiner Atomaufsicht ab", sagte Trauernicht. Sie bestätigte dem Abendblatt zugleich, dass geprüft werde, ob Vattenfall die für den Atombetrieb nötige Zuverlässigkeit besitzt. Beraten wird die Atomaufsicht dabei vom renommierten Kieler Verwaltungsrechtler Wolfgang Ewer.



Vattenfall fürchtet diese Prüfung. Zum einen ist der Energiekonzern Wiederholungstäter. Nach dem Störfall 2007 hatte es erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit des Konzerns gegeben. Bestätigt wurde sie vom Kieler Sozialministerium nur, weil Vattenfall damals sein Personal auswechselte, zahlreiche Auflagen akzeptierte und Krümmel bis Juni 2009 für 300 Millionen Euro renovierte.


Bedrohlich ist die Lage für Vattenfall zudem, weil der jüngste Störfall dem von 2007 ähnelt und der Betreiber schwere Fehler machte. Die Atomaufsicht wurde nicht wie vorgeschrieben informiert. Schlimmer noch: In Krümmel wurde eine Auflage der Atomaufsicht nicht erfüllt.


Trauernicht hatte mit Vattenfall verbindlich vereinbart, dass die altersschwachen Groß-Trafos AT01 (Baujahr 1982) und AT02 (1975) beim Wiederanfahren mit Messgeräten überwacht werden, um Teilentladungen aufzuspüren und so einem Kurzschluss zuvorzukommen. Diese Vorsichtsmaßnahme wurde aufgrund der "Terminsituation" nicht beachtet.

Hatakka räumte das schwere Versäumnis ein. Offen blieb, ob eine Überwachung der Trafos den Kurzschluss im AT02 und damit den Störfall hätte verhindern können. Umso klarer machte Hatakka, dass der Kraftwerksleiter für die Missachtung der Auflage verantwortlich ist. Lucht, seit 29 Jahren in Krümmel, seit Februar 2005 Chef des Reaktors, wurde mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Als kommissarischen Leiter ernannte Hattaka Produktionschef Walther Stubbe (62), seit 25 Jahren in Krümmel. Mit dem Personalwechsel verringert Vattenfall seine Angriffsfläche im Lizenzverfahren. Nach dem Atomgesetz darf ein Betreiber Mängel "in angemessener Zeit" beheben, kann so seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Trauernicht stellte zudem klar, dass ein Lizenzentzug für Vattenfall nicht das Aus für Krümmel bedeuten würde. "Wir haben in Deutschland andere Betreiber, die Kernkraftwerke seriös leiten." Dazu gehört E.on. Der Konzern ist mit 50 Prozent an Krümmel beteiligt.


Wie ernst die Lage für Vattenfall ist, erfuhr Hattaka gestern aus erster Hand. Carstensen erklärte dem Atommanager, dass Vattenfall mit Krümmel nur noch einen "letzten Versuch" habe. "Wenn es dann wieder so einen Vorfall gibt, werde ich mich persönlich darum kümmern, dass die Anlage abgeschaltet wird."