Die Stadtteilserie

Langenhorn

| Lesedauer: 7 Minuten
Holger True

Wandern, baden und Schwarzwälder Flair: Die Sommerfrische liegt hier vor der Tür

Junge Birken wiegen sich im Wind, ein Habicht zieht hoch am Himmel seine Kreise, und auf einer Lichtung äsen friedlich drei Rehe. Nein, dies ist keine Szene aus einer kitschigen Naturdokumentation, dies ist Langenhorn. Jedenfalls ein wichtiger Teil der ehemaligen Landgemeinde im Norden Hamburgs.

Vor 200 Jahren erstreckte sich ein dichter Wald mit vielen Mooren über ganz Langenhorn; Reste davon sind immer noch zu sehen - echteOasen der Stille am Rande der Metropole. Etwa das Raakmoor mit seinen Wanderwegen und einem Rückhaltebecken, das in strengen Wintern zur Eislaufbahn wird. Hier ist die Welt noch in Ordnung, gibt es Füchse und Hasen, klopfen Spechte und flirren im Sommer Libellen durch die Luft. Oder der kilometerlange Wanderweg entlang der Tarpenbek, der von Ochsenzoll in Richtung Flughafen führt: ein Traum für Läufer wie Hundebesitzer, die sich übrigens selten in die Quere kommen. Man freut sich einfach gemeinsam, das Plätschern des Baches und den Anblick des hier seit Jahren beheimateten Graureihers ungestört genießen zu können.

Urlaub im Kleingarten

Eine Naturverbundenheit der Langenhorner, die sich auch in den 21 Kleingartensiedlungen des Stadtteils ausdrückt - mit zahllosen Parzellen ganz individuellen Zuschnitts. Da finden sich sorgsam angelegte Teiche mit Goldfischen und kleinen Fröschen, wogende Blumenbeete und Apfelbäume, da werden Tomaten gezogen und Kräutergärten gepflegt. Ein Idyll, in dem mancher seinen Sommerurlaub verbringt. Und sich zwecks Abkühlung immer mal wieder ins Naturbad Kiwittsmoor begibt. Ein Freibad an der Hohen Liedt, das bereits 1934 eröffnet wurde, sich aus unbeheiztem Brunnenwasser speist und sich trotz der Konkurrenz des Arriba-Erlebnisbades im nahen Norderstedt immer noch großer Beliebtheit erfreut. Hier gibt es keine Spaßrutschen oder Thermen, dafür ungechlortes Wasser, einen Holzsteg, von dem aus sich die Kinder und Jugendlichen des Stadtteils gegenseitig ins Wasser schubsen, eine Minigolfanlage alten Stils und eine Pommesbude, an der sich für kleines Geld der Schwimmhunger stillen lässt. Das Beste: Auch an den heißesten Sommerwochenenden findet sich auf dem großen Areal immer noch ein schattiges Plätzchen.

Doch Langenhorn hat mehr zu bieten als "nur" Natur - etwa die Anbindung zum nahen Flughafen, Fluch und Segen zugleich. So hält der 292er-Bus, der von der U-Bahn-Station Ochsenzoll aus den Stadtteil in südlicher Richtung durchquert, direkt vor den Terminals; vom Langenhorner Markt aus gerade mal eine zehnminütige Fahrt. Wer jedochin der Einflugschneise wohnt, kennt die Schattenseite: Bei Fußballspielen des SC Alstertal-Langenhorn auf dem Sportplatz Siemershöh an der Langenhorner Chaussee kommen die Maschinen teilweise im Minutentakt und fliegen hier bereits so tief, dass beinahe das Gesicht des Piloten zu erkennen ist. Echter Lärmterror, von dem nur ein paar Steinwürfe weiter, auf dem Langenhorner Markt, aber schon so gut wie nichts mehr zu hören ist. Hier schlägt das Einkaufsherz des Stadtteils, nicht nur weil neben einigen Supermärkten auch viele kleine Läden angesiedelt sind, sondern vor allem wegen des großen Wochenmarkts, der dienstags und sonnabends zum Zentrum des Stadtteils wird. Manch ein Klönschnack entwickelt sich hier zwischen frischenFischen und Bioobst, zwischen sauren Fassgurken und Honig vom Imker.

Die Jugend forscht besonders eifrig

Das Bild dieses Stadtteils wird mitgeprägt von den vielen Wohnsiedlungen. Besonders bekannt: die Fritz-Schumacher-Siedlung, in den 1920er-Jahren gegründet, damals mit dem Ziel, ihren Bewohnern Selbstversorgung zu ermöglichen - deshalb die großen Gärten, in denen nicht nur Obst und Gemüse angepflanzt, sondern auch Geflügel gehalten wurde. Ebenfalls sehenswert ist die Schwarzwaldsiedlung an der Essener Straße, ab 1938 errichtet, um den zum Großteil aus Süddeutschland stammenden Mitarbeitern der Deutschen Messapparate GmbH im Norden ein Heimatgefühl zu vermitteln. Heute stehen die kleinen Eigentumswohnungen unter Denkmalschutz.

Zeugen der Vergangenheit sind auch die beiden Krankenhäuser, das AK Ochsenzoll und das AK Heidberg (heute zusammengefasst zur Asklepios-Klinik Nord): Während das AK Ochsenzoll als "Landesirrenanstalt" am Rande Hamburgs ein Schauplatz des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms war und später Berühmtheit durch hier weggesperrte psychopathische Straftäter wie Fritz Honka und "Heidemörder" Thomas Holst erlangte, war das AK Heidberg ab Ende der 30er-Jahre zunächst eine Kaserne der Waffen-SS, woran heute ein Hinweisschild am Eingang erinnert. Dunkle Kapitel der Stadtteilgeschichte, zu der auch gehört, dass sich in Langenhorn ein Außenlager des KZ Neuengamme befand und osteuropäische Frauen hierher verschleppt wurden, um Zwangsarbeit für den Rüstungsbetrieb Hamburger Kettenwerke zu verrichten.

Ein Thema, über das in den Langenhorner Schulen gesprochen wird, wobei die über die Stadtteilgrenzen hinaus wohl bekannteste Schule, das Gymnasium Heidberg, etwas andere Schwerpunkte setzt: Hier spielen Leistungssport und naturkundliche Forschungsprojekte eine herausragende Rolle. So gehören neben den Ex-HSV-Spielern Thomas von Heesen und Richard Golz auchSt.-Pauli-Torwart Benedikt Pliquett und Nationalspielerin Kim Kulig zu den Ehemaligen. Zudem sind seit 1979 mehr als 250 Beiträge zum Wettbewerb"Jugend forscht" am Heidberg entstanden, darunter bundesweit stark beachtete Forschungen zur Vulkanologie.

Kunst im Valvo-Park

Ansonsten aber besitzt Langenhorn nur geringe Außenwirkung. Touristen verirren sich kaum einmal in diesen Stadtteil, die Szene ist hier nicht zu Hause, auch wenn mit Slime und Razzia zwei wichtige Punkbands in den späten 70er-Jahren in Langenhorn ihren Anfang nahmen. Immerhin: Der Verein Kettenwerk unterhält im Valvo-Park an der Essener Straße neun Künstlerateliers und Ausstellungsflächen für freie Malerei, Zeichnung und Objektkunst, Literatur und Illustration, Bildhauerei und Fotografie. Jeweils am ersten Februarwochenende finden "Tage des offenen Ateliers" statt. Und dann ist da nochdas ella Kulturhaus am Käkenflur, eine Institution mit regelmäßigem Kleinkunstprogramm und umfangreichem Mitmachangebot von der Theatergruppe bis zur Malwerkstatt. Viel mehr gibt's nicht und muss vielleicht auch nicht sein in einem Stadtteil, der in erster Linie Wohnquartier ist und an vielen Stellen so sehr im Grünen liegt, dass niemand verwundert sein kann, wenn ihm auf dem Bürgersteig in der Fibigerstraße am frühen Morgen ein Reh begegnet.

In der nächsten Folge am 26.9.: Rothenburgsort

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