August 1945: Die erste Schulstunde

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Serie - Schicksalstage Hamburgs: Uwe Bahnsen und Kerstin von Stürmer schildern die ersten Wochen nach dem Einmarsch der Briten

Am 11. Mai 1945 entschloß sich die Besatzungsmacht, die personellen Reste der NS-Herrschaft in der Hansestadt zu beseitigen. Militärgouverneur Oberst Armytage befahl die Verhaftung des Bürgermeisters Carl Vincent Krogmann, weiterer Senatsmitglieder, hoher Beamter und NS-Funktionäre, die nun wie zuvor der ehemalige Gauleiter Karl Kaufmann in das Internierungslager Neuengamme, das frühere KZ, eingeliefert wurden. Zu denen, die noch im Amt blieben, gehörten Senator Oskar Martini, zuständig für die Sozialverwaltung, und Stadtkämmerer Bernhard Hieronymus Velthuysen, ferner Staatssekretär Georg Ahrens, in der NS-Zeit Vertreter des Reichsstatthalters Kaufmann, der unzähligen Hamburgern wegen seiner beruhigenden Stimme während der Bombenangriffe 1943 als "Onkel Baldrian" in Erinnerung war. Dem Rumpfsenat befahl der Militärgouverneur, bis zum nächsten Tag, 16 Uhr, einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters vorzuschlagen. Martini nahm darauf Kontakt mit der Gauwirtschaftskammer, der früheren Handelskammer, und deren Präses Joachim de la Camp auf. Das Ergebnis war der Vorschlag, den Kaufmann Rudolf Petersen, der bis 1933 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Exporteure gewesen war, zum Bürgermeister zu ernennen. Der 66jährige Bruder des früheren Bürgermeisters Carl Petersen hatte zunächst Bedenken, erklärte sich dann jedoch bereit und wurde am 15. Mai von der Militärregierung als Bürgermeister eingesetzt. Für die Hansestadt sollte sich diese Personalentscheidung als Glücksfall erweisen. Buchstäblich vom Tag des Einmarsches an etablierte sich die Besatzungsmacht nicht nur nach den Befehlen ihres Oberbefehlshabers Feldmarschall Montgomery, sondern auch nach den traditionellen Grundsätzen und Erfahrungen britischer Kolonialherrschaft aus mehr als drei Jahrhunderten. Die Engländer sonderten sich völlig von den Deutschen ab, und Montgomery gab das Beispiel dafür - sein Hauptquartier in Bad Oeynhausen war eine mit Stacheldrahtverhauen gesicherte kleine Festung. Der britische Militärgouverneur in Hamburg, Oberst Armytage, war mit einem großen Stab erschienen, der die Arbeit in den Behörden kontrollieren sollte. Zunächst ließ er auf dem Rathausmarkt einen großen, mit Stacheldraht umzäunten Parkplatz für Militärfahrzeuge einrichten, der noch zu einem Politikum werden sollte. Zugleich wurden unversehrt gebliebene Hotels und Villen, Restaurants und Kultureinrichtungen beschlagnahmt. Überall verkündeten Schilder: "Out of Bounds for German Civilians!" und "For British Forces Only!" Das galt für das "Vier Jahreszeiten" (der Neue Jungfernstieg wurde komplett für Deutsche gesperrt) ebenso wie für das Hotel Atlantic, das Schauspielhaus wurde zum "Garrison Theatre", zu dem deutsche Besucher keinerlei Zutritt hatten, und das einzige in der Innenstadt noch erhaltene Kino war nun das "Garrison Cinema". Ganze Wohnviertel mußte die deutsche Bevölkerung räumen - an der Alster, in Wandsbek, in Volksdorf, wo die von der Besatzungsmacht beschlagnahmten Häuser innerhalb weniger Stunden übergeben werden mußten. "Clear them out!" hatte der zuständige britische Offizier in der Ortsdienststelle befohlen: "Schmeißt die Leute raus!" Es gab auch Übergriffe, jedoch waren das Ausnahmen. Im allgemeinen legten die Offiziere der Besatzungsmacht bei unvermeidlichen Kontakten mit Deutschen eine überaus kühle, deutlich auf Distanz bedachte Korrektheit an den Tag. Die einfachen Soldaten verhielten sich in der Regel diszipliniert. Wer das strenge Ausgehverbot der ersten Monate von 21 bis 6 Uhr übertrat, wurde mit Haft bestraft. Die Strafen lagen zwischen 14 und 56 Tagen Gefängnis. "Ungesetzlicher Besitz eines falschen Passierscheins" trug dem Beschuldigten zehn Monate Gefängnis ein. Tag für Tag stand in den ersten Wochen nach dem Einmarsch im Alten Wall vor einem Nebeneingang des Rathauses eine lange Schlange von Hamburgern, die Passierscheine vor allem über die Elbe benötigten. Häufig verweigerten die britischen Offiziere diese Bescheinigungen.

In der weithin zerbombten Stadt lebten im Juni 1945 bereits wieder rund 1,2 Millionen Menschen - etwa zwei Drittel der Vorkriegsbevölkerung. Woche für Woche mußten Tausende, die sich trotz amtlicher Zuzugssperre in den Einwohnerdienststellen meldeten, um ein Obdach zu finden, zurückgewiesen werden. Einwohnerlisten, die auf den Polizeirevieren abzugeben waren, sollten als Grundlage für eine rigorose Wohnraumbewirtschaftung dienen - "Einquartierung" nannte man das. Es fehlte an Nahrungsmitteln, an Bekleidung und Schuhen, an Wohnraum. Der Alltag bestand aus materieller Not - mit dem Schlangestehen vor den Lebensmittelläden, vor den Ämtern und Behörden, denn buchstäblich alles war rationiert. Im Sommer 1945 herrschte in Hamburg Hungersnot. Doch nicht nur der tägliche Existenzkampf belastete die Menschen. Hinzu kam in diesem ersten Nachkriegssommer eine tiefe Verunsicherung über das politische Schicksal Hamburgs. Als Konsequenz aus den zwischen den Siegermächten getroffenen Vereinbarungen über die Besatzungszonen zogen sich Anfang Juli die britischen Truppen aus dem bislang von ihnen besetzten westlichen Mecklenburg nach Schleswig-Holstein zurück. In Boizenburg und Ludwigslust, in Schwerin und Wismar rückten sofort die Einheiten der Roten Armee ein. In der Hansestadt wucherten angesichts dieser Vorgänge die Gerüchte. So entstand die Befürchtung, die Sowjetunion verlange als Gegenleistung für ihre Bereitschaft, den Westmächten einen Teil Berlins zu überlassen, ein Drittel Hamburgs - einen Sowjetsektor mit Zugang zum Hafen, zum Beispiel Altona oder Harburg, und mit Schiffahrtsrechten auf der Unterelbe bis zur offenen Nordsee. Als am 17. Juli 1945 im Potsdamer Schloß Cecilienhof US-Präsident Truman, Marschall Stalin und der britische Premierminister Churchill zur Potsdamer Konferenz über das Schicksal Deutschlands zusammentraten, waren die Sorgen in der Stadt groß, und dem entsprach die Erleichterung nach dem Ende der Konferenz am 2. August, daß sie sich als gegenstandslos erwiesen hatten.

Schon bald nach seinem Amtsantritt als Bürgermeister am 15. Mai 1945 hatte Rudolf Petersen sich bei den Offizieren der britischen Militärregierung in der Hansestadt, die sich im Gebäude Esplanade Nr. 6 etabliert hatte, den Spitznamen "Old P." erworben. Darin kamen der Respekt vor seiner souveränen Persönlichkeit und Vertrauen in seine Integrität zum Ausdruck. Den Engländern imponierten sein akzentfreies Englisch, das trotz dieser beispiellosen Niederlage ungebrochene Selbstbewußtsein des hanseatischen Kaufmanns und die pragmatische Zähigkeit, mit der er sein Amt ausfüllte. Besonders dieser Wesenszug, verbunden mit diplomatischem Geschick, kam der angelsächsischen Mentalität entgegen. Rudolf Petersen war der leibhaftige Gegenbeweis zu der damals in Großbritannien weitverbreiteten Auffassung, man habe die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen.

Ein wichtiges Datum in den ersten Monaten der Besatzungszeit war für Hamburg der 6. August. An diesem Tag richtete Feldmarschall Montgomery eine weitere Botschaft an die Deutschen in der britischen Besatzungszone: "Ich habe die Bestimmungen des Umgangsverbots gelockert. Angehörigen der britischen Truppenteile ist es jetzt gestattet, sich auf Straßen und in öffentlichen Räumen mit der deutschen Bevölkerung zu unterhalten. Das wird uns die Möglichkeit geben, Fühlung mit Ihnen aufzunehmen und Ihre Probleme leichter zu verstehen." Zugleich wurden die Ausgangsbeschränkungen gelockert. Die Sperrstunden für die Deutschen galten nun nur noch von 22.30 bis 4.30 Uhr. Und in vielen Volksschulen Hamburgs begann an diesem 6. August wieder der Unterricht. 40, 50, ja sogar 60 Kinder in einer Klasse waren keine Seltenheit.

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