Großstadtbiotop am Veringkanal

Serie: Hamburgs Flüsse und ihre Geschichte

Die Industriestraße am Veringkanal in Wilhelmsburg ist von der Nüchternheit moderner Gewerbegebiete geprägt: Fabriken, Lagerhallen, Firmenschilder. Mittendrin lächelt von einer Plakatwand eine Fernsehschöne: Sie wirbt für die Vox-Justizserie "Boston Legal" mit der Parole "Guten Tag, ich bin Ihr Recht auf Beischlaf." Sie tut es nicht ohne Widerspruch: Quer über das Riesenposter klebten "E + A" in großen Lettern Kritik: "Nieman(n)d hat ein Recht auf Beischlaf'!" Der Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs zählt zu den Blüten eines neuen Großstadtbiotops: Am Veringkanal wächst zusammen, was in einer offenen Gesellschaft zusammengehört.

Ein Sprayer vermerkt zu einem roten Stern: "Revolution started!" Auf dem ersten Hausboot des Kanals weht die weiß-blaue Bayern- neben der roten Astra-Flagge. Das Projekt des Senats zur "Neugestaltung des östlichen Ufers des Veringkanals" heißt "B-Sure", die Kita am Sanitaspark "Kiddies Oase"; ältere Kiddies verewigen sich hinter der Bonifatiuskirche mit dem Schriftzug "Gangsta".

Alles im Sinn des Erfinders: 1890 höht der Bauunternehmer Dr. Ing. h.c. Hermann Vering (1846-1922) 250 Hektar Sumpfland um drei Meter auf, um Industrie anzusiedeln, die Arbeitskräfte auch im Ausland, vor allem in Polen, anwirbt. Die Stadt baut den Neubürgern die katholische Bonifatiuskirche, 1913 stellen die Polen 18 Prozent der Bevölkerung Wilhelmsburgs. Ein neuer Uferweg führt in diese Vergangenheit: Wasserturm, Schleuse, Kran. Schon damals sollen Menschen am Kanal wohnen. 1924 gönnt die Stadt einer Großwohnanlage an der Mannesallee sogar eine "Fassade mit expressionistischen Formelementen". Heute heißt das Motto "wohnen + arbeiten im hybrid". Architekten planen "Wohninseln um hochwertige Arbeitsplätze", zwei Städtebaustudentinnen der RWTH Aachen gestalten unter www.kanallab.org eine Website über den Veringkanal.

Hobbyangler Manfred Heßler aus der Veringstraße bleibt skeptisch: Vor ein paar Monaten zogen Taucher zwei Lkw-Ladungen Schrott aus dem Kanal. Jetzt liegt schon wieder Unrat im Wasser. Den Steg mit den Bänken nimmt der Angler so gern an wie der Bummler mit der Rotweinpulle. Die Barsche beißen. Probleme? Heßler schüttelt den Kopf: "Bei uns in Wilhelmsburg sind die Deutschen toleranter, sie sind ans Zusammenleben mit Ausländern gewöhnt." Auch dafür lohnt es sich, am Veringkanal zu leben.