Immobilien Hamburg

Das alte Altona fürchtet die Neue Mitte

An der Harkortstraße sind viele kleine Firmen in alten Gebäuden ansässig. Sie sorgen sich, von dem Wohnungsbau-Großprojekt verdrängt zu werden

Hamburg. Es mag eine eher schrumpelige Ecke Altonas sein, hoch und buschig wachsen hier an der Harkortstraße die Straßenbäume, ein Sammelsurium aus 50er-Jahre-Bauten, Fachwerk und altem Backsteingemäuer säumt den Rand des alten Güterbahnhofs. Gras und Büsche haben die alten Gleisanlagen längst zurückerobert. Hier soll in den nächsten Jahren mit der Neuen Mitte Altona ein Wohngebiet für mehr als 12.000 Menschen gebaut werden; gut 6000 Wohnungen, so schätzt die Stadtentwicklungsbehörde, wären dort möglich. Investoren stehen bereit, sogar der Hamburger Shopping-Center-Gigant ECE hat sich Flächen gesichert.

Wohnungsbau lohnt sich derzeit in Hamburg, Wohnungen werden gebraucht in der wachsenden Stadt. Das politische Versprechen des neuen SPD-Senats für einen massiven Ausbau dringt daher jetzt in die letzten Nischen vor: "Neue Wohnungen hier sind ja wünschenswert", sagt Carsten Dohse, "doch wir würden auch gerne bleiben." Der Architekt sitzt an einem Tisch mit Kollegen in der alten Fachwerkvilla Harkortstraße 123 - ein Haus, das "abgängig" ist, wie es beim Immobilien-Unternehmen Aurelis heißt, das hier Neubauten plant. Abgängig wie so manches andere Gebäude auch - auch wenn die alten Backsteinschuppen der Bahn erhalten bleiben sollen. Für Kunst, Kultur, Gastronomie und kleinteiliges Gewerbe, wie die Planer versprechen. Ob damit aber auch die vielen Freiberufler, Kreativen, Handwerker an der Harkortstraße wieder eine günstige Bleibe bekommen, bezweifeln viele hier. Die alten Schuppen müssen denkmalgerecht restauriert und gedämmt werden. Kosten, die sich kaum mit günstigen Mieten wie gegenwärtig realisieren lassen.

"Gewerbe hat derzeit hier keine guten Karten", sagt auch die Altonaer SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Gabriele Dobusch. Aber man habe eben einen "Riesenbedarf" an Wohnungen in Hamburg. Und das wecke auch "Begehrlichkeiten".

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Gut zwei Dutzend Betriebe an der Harkortstraße um Architekt Dohse haben sich daher zusammengeschlossen, um die Politik auf ihre drohende Verdrängung aufmerksam zu machen. 225 Arbeitsplätze seien betroffen, haben sie nachgezählt. In Wahrheit vielleicht sogar mehr. Denn nicht nur am Rand der Neuen Mitte, überall in Altona steigt der Druck für Kleinunternehmen, seit auch die Hinterhöfe als lukrative Wohnungsbauflächen ins Visier von Planern und Investoren genommen werden. So beim Electrolux-Gebäude an der Max-Brauer-Allee, in alten Gewerbehöfen in Ottensen und Bahrenfeld. Nach Zahlen des Bezirksamts Altona sind in den vergangenen zehn Jahren etwa 350 000 Quadratmeter Gewerbe- und Industriefläche im Bezirk umgewandelt worden. Von einer "Knappheit des städtischen Gewerbeflächenangebots" spricht selbst das Amt in einer Antwort auf eine Anfrage der Bezirkspolitik.

"Der Wohnungsbau dringt eben überallhin", sagt Architekt Dohse, der selbst vom Planen lebt. Dennoch plädiert er dafür, solche Hinterhofmilieus zu bewahren. "Hinterher, wenn sich nur noch Lidl und Aldi die Mieten leisten können, wird dann versucht, so etwas künstlich zu schaffen." Fraglich aber, ob das am Reißbrett gelingt. Gleich neben dem Architektenbüro haben etwa Yvonne Rokita und Kai Schupp eine Art Gemeinschaftswerkstatt, einen großen Raum, vollgestopft mit Zwingen, Hölzern, Sägen, Stoffen. Schupp baut und restauriert historische Zupfinstrumente. Vor allem Lauten. "Auch ein Nischenprodukt - so wie die Werkstatt", sagt er und lächelt.

Rokita ist Raumausstatterin, sie restauriert und entwirft Möbel, polstert alte Stücke wieder auf - und wenn sie Unterstützung braucht, hilft ihr Schupp bei Tischlerarbeiten. Zum Mittagessen gehen beide die wenigen Stufen durch das verwinkelte Haus zu den Architekten. "So entstehen Synergie-Effekte, heißt es wohl woanders", sagt Schupp. In der Tat ist es ein sehr bunter Firmen-Mix, der rund um die Fachwerkvilla an der Harkortstraße 123 entstanden ist. Wenn Lautenbauer Schupp aus dem Werkstattfenster blickt, sieht er gegenüber auf eine Tangoschule, daneben hat ein auf Messebau spezialisierter Betrieb seine Werkstatt. Die in Hamburg renommierte Schauspielschule Studio Frese hat ihre Räume gleich um die Ecke. Juristen, freie Journalisten, Planer, Designer arbeiten dort in einem Ziegelbau in Gemeinschaftsbüros, teilweise indem sie nur für eine günstige Miete einen Schreibtischplatz gemietet haben. "So wachsen Garagenfirmen", sagt Architekt Dose.

Eine Garagenfirma war auch die Totec Soundservice GmbH. Vor mehr als zehn Jahren haben sie die Geschäftsführer Marc Peemöller und Jan Thomas gegründet, ein DJ und ein Physiker, noch immer bauen sie Lautsprecher selbst und vermieten ganze Soundanlagen. Für kleine Feiern, aber auch für große Veranstaltungen. Kunden sind das Gängeviertel, Menschen aus dem Quartier, aber auch große Unternehmen oder das Thalia-Theater. Zehn Mitarbeiter sind dort fest angestellt, 30 noch einmal frei. Wie für die anderen Unternehmen hier an der Harkortstraße auch gab es für die Räume zum 12. September 2012 die Kündigung.

"Wir sind groß genug, wir werden nicht untergehen", sagt Peemöller. Doch was wäre die Alternative? Nach Billbrook oder ins weite Umland? Weg von den Kunden, weg von den Wohnungen der Mitarbeiter, weg von den schnellen Wegen, wenn es mal ein Problem mit der Technik gibt?

Auch die Altonaer Bezirkspolitik hat inzwischen erkannt, dass die "Kreativwirtschaft" in der Neuen Mitte wohl neue Standorte braucht, und will sie möglichst im Bezirk halten. Mehr noch: Solche "Kreativmilieus" seien weiter zu entwickeln, heißt es in einem Beschluss der Bezirksversammlung. So wollen die Altonaer Politiker etwa, dass das alte und leer stehende Finanzamt an der Großen Bergstraße zu einem Ausweichquartier umgenutzt und nicht von der Stadt im Höchstpreisverfahren verkauft wird. Der Haken: Das letzte Wort hat in solchen Fragen nicht der Bezirk, sondern der Senat. Mehr als Bitten und Empfehlen bleibt da nicht.

Die Firmen hoffen auf einen Vertrag der Stadt mit den Investoren

Auch den Betrieben an der Harkortstraße bleibt nicht mehr als der Versuch, politischen Druck auszuüben. Zwar haben manche vom Investor Gesprächsangebote bekommen, in die später restaurierten Güterbahnhallen zu ziehen. Doch wie teuer das sein wird und ob das Angebot bestehen bleibt, wenn die Stadt das noch brachliegende Areal erst einmal mit einem gültigen Bebauungsplan quasi veredelt hat - das alles sei offen, sagt Architekt Dohse. Besser sei es, so sagt er, wenn man Altes und Neues hier verbinde - und die Fachwerkvilla einfach stehen lasse. Doch das dürfte nicht einfach sein; ein siebengeschossiger Neubau verspricht mehr Rendite als ein viergeschossiger Altbau mit Sanierungsbedarf. Letztlich, das weiß auch Architekt Dohse, müsste die Stadt den Investor per Vertrag zwingen, hier unwirtschaftlich zu handeln - indem man eine schrumpelige Ecke einfach lässt, wie sie ist.