Debatte

Auf Terror mit Toleranz reagieren

Die Lehre zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September: Wir müssen einen modernen und weltoffenen Islam stärken

Früher wusste jeder, was er gemacht hat, als John F. Kennedy erschossen wurde. Heute wissen wir alle, was wir am 11. September 2001 gemacht haben. Die Bilder von den einstürzenden Twin Towers sind allen im Gedächtnis geblieben. Schnell galt der Anschlag als Beleg für den angeblich unabwendbaren Konflikt der Kulturen. Der islamistische Terror erschien als die alles und jeden existenziell bedrohende Gefahr. Hochgradig ideologisierte Täter mit einem Hass auf die freiheitliche Gesellschaft ließen jedes Verbrechen möglich erscheinen. Heute ist klar: Trotz der schockierenden Gewalt sind wir den Terroristen nicht in die Falle gegangen. Weder die 19 Attentäter in den Flugzeugen noch ihre Nachfolger haben es geschafft, aus ihren persönlichen Wahnvorstellungen einen weltweiten Krieg der Religionen zu machen. Der befürchtete Kampf der Kulturen ist ausgeblieben. Welche Lehren können wir aus den vergangenen zehn Jahren ziehen?

Das Ziel der Terroristen ist, die freiheitlichen Demokratien zu erschüttern. Die Mittel der Terroristen sind Angst und Schrecken. Dem müssen wir Vernunft und Augenmaß entgegensetzen. So haben es Helmut Schmidt und Gerhard Schröder getan. Trotz der schockierenden Bilder und der neuartigen Herausforderung für Demokratie und Rechtsstaat haben beide klug und besonnen auf die jeweiligen Bedrohungen durch die RAF und al-Qaida reagiert. Sie haben neue staatliche Eingriffsbefugnisse geschaffen. Dennoch haben sie unsere individuelle Freiheit dadurch nicht empfindlich beschnitten. Das gesellschaftliche Klima blieb.

Wir dürfen uns nicht von Furcht und Emotionen leiten lassen. Bei aller Berechtigung von Terrorwarnungen: Wer ständig alarmiert, wird nicht nur unglaubwürdig. Er trägt auch Verantwortung für eine wachsende Angst.

Den Sicherheitsbehörden sollten wir die Instrumente geben, die sie wirklich brauchen. Entscheidend muss sein, ob diese Befugnisse Gefahren verhindern oder zumindest Ermittlungen fördern. Erfolge in der Terrorismusbekämpfung erzielen wir überwiegend immer noch mit klassischer nachrichtendienstlicher und polizeilicher Arbeit. Die professionelle Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden und das notwendige Glück haben uns in Deutschland vor größeren Anschlägen bewahrt.

In Deutschland bleiben zehn Jahre nach dem 11. September Anschläge von Terroristen nicht ausgeschlossen. Der Beitrag der derzeitigen Bundesregierung zur Terrorabwehr beschränkte sich aber auf einen nervtötenden Schaukampf zweier Minister: Innenminister Friedrich geht es um sein konservatives Profil. Auch mit seiner Warnung vor 1000 potenziellen islamistischen Terroristen schürt er einmal mehr die Angst vor dem Islam. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger glaubt, sich als letzte Bastion des Liberalismus in Stellung bringen zu müssen.

Der Kampf gegen den Terrorismus eignet sich allerdings nicht für die parteipolitische Profilierung. Beide Minister sollten ihre ideologische Auseinandersetzung beenden und endlich verstehen: Sicherheit und Freiheit müssen keine Gegensätze sein.

Der Kampf gegen Gewalt wird erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Gesellschaft so zu gestalten, dass Teilhabe und Integration für alle möglich sind. Indem Innenminister Friedrich aufruft, die Muslime genau zu beobachten, stellt er alle Muslime in unserer Gesellschaft unter terroristischen Generalverdacht. Es gibt keinen Anlass für Islamophobie. Die Extremisten sind unter den Muslimen eine winzige Minderheit. Oft benutzen sie die Religion als Deckmantel. Wir müssen daran arbeiten, sie weiter zu isolieren, und klarmachen: Der Islam gehört zu Deutschland, wir suchen das Gespräch mit den Muslimen. Wir sollten jene Muslime unterstützen und stärken, die einen modernen und weltoffenen Islam wollen.

Zehn Jahre nach dem 11. September haben uns die Reaktionen der Norweger auf die Anschläge in Oslo und Utøja gezeigt, wie demokratische Gesellschaften auf Terror reagieren sollten: nicht mit Repression und Angst, sondern mit mehr Toleranz und mehr Offenheit. Gewalt müssen wir bekämpfen und bestrafen. Aber es muss klar sein: Nicht der Terror allein ist es, der eine Gesellschaft verändert, sondern auch die staatliche Reaktion darauf. Den Kampf der Kulturen wollen nur die Terroristen.