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Ist der Hamburger ein Hamburger?

Der wohl beliebteste Snack der Welt hat viele vermeintliche Väter. Mit der Hansestadt hat der herzhafte Genuss aber nichts zu tun. Oder doch?

Hamburg. "Gehe ich durch Hamburg, bekomme ich immer Magengrimmen. Überall werden 'Hamburger' angepriesen, aber zu essen gibt es nichts." So klagte der amerikanische Kollege. Schmerzhaft lernte er, dass die "Hamburger" Sparkasse kein Fast Food serviert. Tatsächlich ist es gar nicht leicht, unter so vielen Hamburgern den sättigenden Zubeißer zu finden. Heute ist der Hamburger das einzige essbare Weltprodukt. Warum aber wird ein Rindfleischklops, bedeckt mit grün-roten Zutaten, geklemmt in ein eher labberiges Brötchen, nach einer Stadt benannt, die erwiesenermaßen nichts damit zu tun hat?

In den USA toben seit Jahren heftige Kämpfe um den Preis der Erfindung. In den späten 1880ern soll der Café-Betreiber Fletcher Davis in Athens, Texas, den Hamburger kreiert haben, damals noch auf Toast. Das empört Lokalpatrioten in Oklahoma, die Oscar Bilby in Tulsa ins Feld führen, der zwar erst 1891 antrat, aber das Fleisch schon auf von seiner Frau gebackenen Brötchen servierte. Dies nutzte der Gouverneur des Staates 1995, um Tulsa als den "wahren Geburtsplatz des Hamburgers" zu reklamieren.

Mitunter gibt es auch kuriose Beziehungen zu Deutschland. Da ist die Geschichte aus Seymour, Wisconsin, wo Charlie Negrin 1885 auf einer Landmesse mit Fleischklopsen gefüllte Sandwiches verkaufte. "Hamburger Charlie" , wie der damals 15-Jährige hieß, dachte dabei vor allem an ein praktisches Angebot für die beim Weiterspazieren futternden Besucher, unter denen sich - typisch für Wisconsin - viele eingewanderte Deutsche befanden. Das Landesparlament erklärte inzwischen: Wisconsin ist die wahre Heimat des Hamburgers, und für Seymour wurde eine Hamburger Hall of Fame eröffnet.

Dann ist da Louis Lassen mit seinem Wägelchen "Louis Lunch" in New Haven, Connecticut, der namenlose Grillfladen anbot, bis ein paar rabaukige Hamburger Seeleute kamen und dem Produkt angeblich ihren Namen gaben.

Vielleicht klingt auch diese Erzählung plausibel: In dem Nest Hamburg im Staate New York servierten die Gebrüder Menches auf einem Landmarkt Schweinewürstchen. Als sie ihnen ausgingen, sattelten sie auf besagte Fleischballen um. Sie waren Ortsfremde, und als sie nach dem Namen gefragt wurden, schauten sie auf das Eingangsschild und verkündeten: "Dies ist der Hamburger." Der Staat behauptet nun: "New Yorks Geschenk zur Weltküche: der Hamburger."

Der Streit um den Geburtsort wogt seit vielen Jahren, Lokalhistoriker streiten sich, Politiker mischen sich ein. Burger-Liebhaber pilgern derweil zu den Plaketten-geschmückten Geburtsstätten, werden zu jährlichen "Burgerfests" und Festivals gelockt oder nehmen an Hamburger-Paraden teil. Zum Erfolgsprodukt Hamburger hat sich der Hamburger-Tourismus gesellt.

Es ist nicht selten bei Essenszubereitungen, dass eindeutige Urheberschaften fehlen, da werden Erfindungen an mehreren Orten gleichzeitig gemacht. Gibt es den Erfinder der Bratwurst oder des Kebap? Nur eines steht fest: Leute aus Hamburg haben nichts mit alledem zu tun.

Historisch gesehen mag dennoch das originale Hamburg eine Rolle spielen. Die große Hafenstadt sandte ihre Segelschiffe in alle Welt. Oft nahmen sie sogenanntes Hamburgh Steak auf die lange Reise mit, ein getrocknetes und konserviertes Rinderhackprodukt, eine ziemlich harte und geschmacklich dröge Angelegenheit. In einem englischen Kochbuch, 1805 in den USA erschienen, wurde bereits Hamburgh Sausage beschrieben, eine Art Rindswurst, die mit Toast genossen werden sollte. Ganz sicher ist es aber falsch, auf Schinken zu schließen (engl. = ham).

Der Hamburger Hafen war das Tor zur Welt, Millionen Emigranten brachten ihre Essgewohnheiten in die neue Heimat mit. Da mag die norddeutsche Frikadelle aus Schweinefleisch, Zwiebeln und Semmelmehl mitgereist sein, die man mit dem für die USA typischen Rinderhack nachformte. In Hamburg gab es einst das "Rundstück warm", eine Scheibe Schweinefleisch auf einem halben Weizenbrötchen mit Bratensoße. Vielleicht erschien den Amerikanern die Verbindung von Brot und Fleisch als typisch deutsch - so ist es schließlich auch beim Hotdog, dem anderen uns angehängten Fast Food.

McDonald's hatte es übrigens nicht eilig mit Hamburg. Das 1954 gegründete Imperium eroberte Deutschland ab 1971 von München aus. Der Konzern betrieb bereits etliche Filialen im Süden, bevor er 1976 in die Hansestadt kam. Dort öffnete er gleich drei Ableger. Slogan: "McDonald's bringt den Hamburger nach Hamburg".

Wie versöhnlich klingt da die Geschichte, als Kanzlerin Angela Merkel 2007 den Präsidenten der USA George W. Bush in Texas besuchte. Nach ausgiebigem Spaziergang über seine Ranch beglückte er sie mit Selbstgegrilltem: "Und jetzt werde ich der Kanzlerin einen Hamburger servieren." Angela, ganz diplomatisch, bedankte sich mit den Worten. "Das ist für mich als Hamburgerin natürlich erst recht wunderbar." Wenigstens sie stellte einen Zusammenhang von Hamburgern und Hamburg her.

Der Autor ist emeritierter Professor für Politik und Journalistik der Universität Hamburg