Zwischenruf

Der Sohn der Woche II

Ein Erziehungsunfall von Nico Binde

Ein bedauernswerter Kollege, er ist dreifacher Vater, schrieb neulich seine Suche nach einem geeigneten Erziehungsmodell nieder. Die moralisch verwurmten, aber überaus effektiven Mittel Manipulation, Bestechung und Erpressung griffen bei seinen Filii nicht mehr. Seitdem - so war zu lesen - kürt er den "Sohn der Woche", dem Motivationsprinzip eines amerikanischen Schnellrestaurants folgend. Mit Lichtbild am Kühlschrank und allem Pipapo. Bei positivem Verlauf ist sogar ein Erziehungsratgeber angekündigt. Wir sind alle sehr gespannt.

Diesen charmanten Belobigungsgedanken möchte ich kurz aufgreifen, denn auch ich bin jetzt stolzer Besitzer, pardon, Vater eines "Sohnes der Woche". Allerdings aus anderen Gründen. Bisher reichen mir nämlich die üblichen Strategien, um den Spross in Schach zu halten. Ich manipuliere, besteche, erpresse.

Doch kürzlich kam auch noch Lügen dazu, denn die Schnullerfee war im Haus. Und halbwegs aufgeklärte Zeitgenossen wissen, dass die Schnullerfee nicht existiert, nicht existieren kann. Oder wie sollte eine winzige Elfe in nur einer Nacht ranzige Sauggeräte für nachwachsende Generationen erst entführen, dann aufbereiten und später mit Polizeiautos in Schuhkartongröße als Ausgleichsmaßnahme zurückkehren? Eben.

Also log ich. Mein Sohn lebt jetzt zwar im Glauben an eine nachtaktive, betriebswirtschaftlich untalentierte Grazie. Aber er war tapfer und opferte seine Sauger klaglos. Dass er mittlerweile am Kopf seiner Stoffschildkröte "Schildi" nuckelt, ist eine andere Geschichte. Er ist mein "Sohn der Woche", ich bin stolz auf ihn.