Sewigs Tierwelt

Vorsicht, die vermeintliche Baumwurzel kann zuschnappen

Stellingen. Mancher Mann mag das bezweifeln. Aber Frauen können extrem gut dichthalten. Was das kleine Schwarze gekostet hat? Kein Wort kommt dazu über unsere Lippen! Warum die beste Freundin trotz des neuen Lovers ständig so verheult aussieht? Entschuldigung, keine Auskunft möglich. Müsste man eine Illustration für unsere Verschlossenheit finden, hätte die gute, alte Auster ausgedient. Und Luise bekäme den Job. Das gut zehn Jahre alte Tier ist eine Dreistreifen-Scharnierschildkröte, und auch wenn man eine solche noch nie hat tratschen hören, ist das Zauberwort in diesem Zusammenhang doch das Scharnier im Mittelteil ihres Namens.

Luises Verwandte leben, wie die meisten anderen Scharnierschildkröten-Arten in Asien und zeichnen sich durch ein Scharnier im Bauchpanzer aus. "An dieser beweglichen Stelle, die andere Schildkröten nicht haben, können Scharnierschildkröten vorne und hinten komplett zumachen - wie eine Dose", sagt Marion Minde. Hals und Kopf, alle vier Beine und der Schwanz verschwinden unter der schützenden Panzerschicht, und eine einmal geschlossene Scharnierschildkröte kann so nicht nur recht lange unter Wasser aushalten, sondern ist auch nicht so einfach wieder zu öffnen. "Sie können sich zudem sehr schnell schließen, da muss man schon auf seine Finger aufpassen", sagt die Tierpflegerin in Hagenbecks Tropen-Aquarium, wo Luise unter anderem mit Chinesischen Dreikiel-Scharnierschildkröten und Spitzkopf-Schildkröten entlang des Bachlaufs lebt.

Bis vor Kurzem waren die Dreistreifen-Scharnierschildkröten noch zu dritt. "Ein Pärchen haben wir aber an eine spezielle, deutsche Zuchtstation abgegeben", sagt Marion Minde. Gehört Cuora trifasciata in ihrem Verbreitungsgebiet Südchina, Nordvietnam und auf Hainan doch zu den gefährdetsten Schildkrötenarten der Welt.

Zu dem zweifelhaften Titel kamen die Tiere durch übermäßige Bejagung. In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden sie zu Produkten gegen Krebsleiden oder zur Potenzsteigerung verarbeitet; ein Schicksal, das schon viele andere Arten an den Rand der Ausrottung gebracht hat. So ist es nicht verwunderlich, dass auf Märkten und in chinesischen Zuchtzentren Preise von bis zu 2000 Euro pro Tier erzielt werden. "In Deutschland ist die private Haltung dagegen, seit der schärferen Schutzmaßnahmen, in den letzten Jahren eingebrochen", sagt Minde.

Nach Hamburg kam Luise vor vier Jahren bereits als erwachsenes Tier. Mit 18 Zentimeter Panzerlänge gehört sie eher zu den kleinen, aquatisch lebenden Schildkrötenarten. Aber auch zu den schönen: Der Panzer glänzt bräunlich-rötlich, der Kopf golden. "Eine gute Schwimmerin ist sie allerdings nicht", verrät Marion Minde, "dafür kann sie aber super klettern."

Das wird jedem Besucher deutlich, der Luise derzeit sieht: Den Großteil des Tages verbringt sie, gut getarnt, auf einer frei liegenden Baumwurzel an Land. Minde: "Luise befindet sich in einer Art Winterruhe, frisst auch nur noch sehr schlecht." Ab und an setzt die Tierpflegerin sie deshalb Testweise ins Wasser, nur um zu gucken, ob es der Schildkröte noch gut geht.

Auch wenn sie im Sommer aktiver ist, gehört sie doch nicht zu den Draufgängern im Gehege, berichtet Minde. "Luise ist eine eher schüchterne Schildkröte. Während andere beim Anblick der Futterschüssel bereits auf uns zugesprintet kommen, muss ich immer sehr aufpassen, dass sie genug Futter abbekommt." Gefüttert werden den Schildkröten überwiegend Fisch und Muscheln, aber wenn Luise ein Insekt für die Reptilien im Gehege entdeckt, zeigt sie auch gerne, dass sie eine schnelle und geschickte Jägerin ist. Und ab und zu gibt es ein Bonbon: "Ein Stück Apfel nimmt sie gerne", sagt Marion Minde, doch sollte das die Ausnahme im Speiseplan bleiben.

Auch wenn Marion Minde und ihre Kollegen ab und zu Schildkröteneier im Gehege finden, sind die Chancen für Nachwuchs bei Hagenbeck doch recht gering. "Mit geschätzten zehn Jahren ist Luise auch nicht mehr die Jüngste", sagt Minde. "Wasserschildkröten werden selten älter als 20 Jahre."

Ohne Partner hat sich das Thema Nachwuchsplanung nun ja eh erledigt. Und wenn wieder einmal ein Dreistreifen-Scharnierschildkröten-Mann ins Tropen-Aquarium nach Hamburg käme, wäre Luise vielleicht auch zu schüchtern. Oder zu verschlossen.

Frauen können alles, auch kompliziert sein.

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