Abendblatt-Weihnachtsausgabe

"Plattdeutsch ist eine Bereicherung"

Foto: M. Lengemann

Hamburgs Altbürgermeister Hans-Ulrich Klose, Kulturschaffende und Leser schwärmen. Reaktionen auf Weihnachtsausgabe des Abendblatts

Hamburg. Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD) bricht eine Lanze für das Plattdeutsche und reagiert damit auf die Weihnachtsausgabe des Abendblatts. "Für mich stellt Plattdeutsch eine Bereicherung unseres Lebens dar, und ich habe als Abgeordneter immer Anträge unterstützt, Bundestagsdebatten op Platt zu führen. Mit Erfolg." Op Platt - so ist Heiligabend auch der Abendblatt-Lokalteil erschienen. Klose: "Auf eine wundersame Weise scheint es derzeit einen Trend zum Ursprünglichen zu geben. Dazu zählt auch die niederdeutsche Sprache. Darüber freue ich mich."

Den Trend zum Ursprünglichen hat auch das Hamburger Abendblatt in seiner Heiligabend-Ausgabe aufgegriffen und ein bisher einmaliges Experiment gewagt: Der komplette Lokalteil erschien doppelt - in hochdeutscher Sprache und auf Platt. Neben Klose haben auch andere Hamburger die Weihnachtsausgabe zum Anlass genommen, sich Gedanken um Zukunft und Pflege des Niederdeutschen zu machen.

Nicht alle wissen: Platt ist kein Dialekt des Hochdeutschen. Platt ist eine eigenständige Sprache mit bis zu 100 Dialekten, die vor allem in Ostfriesland, Westfalen und Vorpommern gesprochen werden. Gesprochen! Auch das war ein Experiment: Ist es möglich, eine so facettenreiche Sprache, für die es keine Schreibregeln gibt, überzeugend zu übersetzen und gleichzeitig zu Papier zu bringen? Die Hamburger sagen Ja, einige mit leichten Bedenken.

Christian Seeler, Intendant des Ohnsorg-Theaters, hat sich über die plattdeutsche Ausgabe gefreut. "Das Abendblatt hat sich zum Vorreiter der plattdeutschen Sache gemacht." Es habe sich auch gezeigt, dass tagesaktuelle Nachrichten in der niederdeutschen Sprache zu vermitteln seien. "Sie bekommen vielfach dadurch eine augenzwinkernde Dimension", so Seeler. Jasper Vogt gehört seit vielen Jahren zum Ensemble des Ohnsorg-Theaters. Als Schauspieler, Musiker und Autor arbeitet er aktiv daran, das Plattdeutsche am Leben zu erhalten. Der 65-Jährige sieht im Übersetzen vom Hochdeutschen ins Niederdeutsche eine große Herausforderung. Jasper Vogt: "Es besteht die Gefahr, dass ernste Nachrichten verniedlicht werden."

Jan Mahler, Enkel der im Juni gestorbenen Schauspielerin Heidi Kabel, spricht ein anderes Problem an: "Wenn ich als Hamburger mit Menschen in Eiderstedt Platt reden will, denken die, ich will sie auf die Schippe nehmen. Komme ich aus Eiderstedt und rede in Hamburg Platt, dann versteht mich niemand." Vogt und Mahler sagen einstimmig: tolle Idee, den Lokalteil auf Platt herauszubringen. "Das darf man nicht bei einem Mal belassen. Je öfter, desto besser." Reinhard Goltz, Leiter des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen, sagt: "Die Bildungseinrichtungen sollten sich der Aufgabe der Platt-Vermittlung stellen. Es gibt mittlerweile in Norddeutschland mehr als 100 Kitas, in denen die Kinder zweisprachig (Hoch und Platt) erzogen werden - mit Singen, Spielen und Tanzen. Natürlich tragen auch die Medien eine große Verantwortung. Denn Platt ist mehr als eine reine Familiensprache."

Das Abendblatt habe sich um das Plattdeutsche sehr verdient gemacht, sagt Torkild Hinrichsen, Direktor des Altonaer Museums. "Ich habe die Zeitung Lehramtsstudenten empfohlen, die werden sie jetzt im Unterricht einsetzen. Das Wunderbare ist: Plattdeutsch ist geradezu schick derzeit. Die Sprache stirbt nicht aus", ist sich Hinrichsen sicher.

"Ich hebe die Heiligabend-Ausgabe auf", sagt Abendblatt-Leserin Astrid Köhler aus Harburg. Die 79-Jährige spricht fließend Platt. Sohn Marcus, 43, und Ehefrau Loraine, 47, verstehen es noch. Enkel Aurel, 17, nicht einmal mehr das. "Wenn es kaum einer spricht, muss ich es nicht verstehen", sagt er.

Beate Hennig sieht im Niederdeutschen eine bedrohte Sprache. "Ich begrüße die Abendblatt-Aktion sehr", so die Sprachwissenschaftlerin. "Es ist ein Beitrag, Plattdeutsch wieder ins Gespräch zu bringen."

Beate Hennig hat mit Jürgen Meier das "Kleine Hamburgische Wörterbuch" herausgegeben. Das Lexikon dokumentiert mit jeweils mehr als 6000 plattdeutschen und hochdeutschen Stichwörtern den mundartspezifischen Wortschatz Hamburgs.