200-Meter-Frachter rammt Partydampfer

Crew rettet sich in letzter Sekunde von Bord. St.-Pauli-Landungsbrücken beschädigt

St. Pauli. "Wie in einem schlechten Actionfilm." So beschreibt Carolin Vollus, 25, was sie in der Nacht zum Freitag erlebte. Sie hatte auf einer Weihnachtsfeier an Bord des Ausflugsschiffes "Viktoria" Gäste betreut, wollte nun, da die Gesellschaft bereits von Bord gegangen war, noch zusammen mit Kapitän Klaus Wachner-Rosenthal und ihrem Kollegen Dennis Gundlach die Spuren der Party beseitigen, als der Kapitän plötzlich rief: "Alle Mann von Bord! Nicht lange fackeln! Runter!" Kurz darauf sah sie, wie der knapp 200 Meter lange Großfrachter "Grande Nigeria" das Heck des Ausflugdampfers rammte, auf dem sie eben noch aufgeräumt hatten. Die Leinen der "Viktoria" rissen, das schwer am Heck beschädigte Schiff trieb führerlos auf die Elbe. Der schneeweiße Großfrachter fuhr zunächst weiter. Verletzt wurde niemand, doch auch die Landungsbrücken 3 bis 6 sind durch den gewaltigen Druck, den das Heck des Frachters ausübte, beschädigt worden - und es lässt sich kaum bemessen, was passiert wäre, wenn das Heck der "Grande Nigeria" nicht nur die "Viktoria", sondern die Landungsbrücke selbst getroffen hätte.

Schuld an dem Zusammenstoß ist nach ersten Ermittlungen ein Navigationsfehler des Kapitäns Alessandro I. Der italienische Schiffsführer habe die "Grande Nigeria" offenbar zu weit nördlich auf der Elbe gefahren, sagt Wasserschutzpolizist und Polizeisprecher Andreas Schöpflin. "Die Elbe macht an der betreffenden Stelle einen leichten Knick. Und es kam zum Zeitpunkt der Kollision ein Schiff entgegen", so Schöpflin. Das zusammen mag dazu geführt haben, dass der Kapitän sich dem Ufer zu weit näherte. In Höhe der "Cap San Diego" bemerkte der Kapitän seinen Fehler offenbar. Er versuchte gegenzusteuern, touchierte dann mit dem ausschwenkenden Heck die vertäute "Viktoria". Rätselhaft: Alessandro I. wurde zum Zeitpunkt des Unfalls gleich von zwei Hafenlotsen beraten. Auch der Elblotse war bereits an Bord. Ob die ortskundigen Schiffsführer die Gefahr zu spät erkannten oder ob sie abgelenkt waren, wird noch untersucht. Fakt ist: Im dichten Nebel wurde die "Viktoria", auf der eine knappe Stunde zuvor noch Dutzende Menschen gefeiert hatten, von dem riesigen Frachter getroffen und einem gewaltigen Druck ausgesetzt. Wäre die Festgesellschaft bei der Kollision noch an Bord gewesen, hätte es mit einiger Sicherheit Verletzte gegeben. In dem dichten Nebel, der zum Unfallzeitpunkt herrschte, wäre die herannahende Gefahr nicht so rechtzeitig zu erkennen gewesen, dass man alle Gäste von Bord hätte bringen können.

Der unter italienischer Flagge für die Grimaldi Line fahrende Roll-on-roll-off-Autotransporter hatte am O'Swaldkai Gebrauchtwagen aufgeladen. Um 22.45 Uhr hatte das 195 Meter lange, 32 Meter breite Schiff mit Ziel Antwerpen abgelegt. Die Hafenlotsen waren bereits beim Ablegen mit an Bord. Bemerkten sie nicht, dass das Schiff außerhalb des Fahrwassers unterwegs war?

Einen technischen Defekt schließt die Wasserschutzpolizei nach ihren ersten Überprüfungen aus. Die Polizei sicherte sämtliche UKW-Funkaufzeichnungen und die Radarbilder. Zunächst hatten die Ermittler auch geprüft, ob das entgegenkommende Schiff, die "Pegasus Leader", den Autotransporter abgedrängt haben könnte. Doch bereits gesichtete Radarbilder belegen, dass der Kapitän des in den Hafen einfahrenden Schiffes sich untadelig verhielt. Dass sich schon im Hamburger Hafen drei Lotsen an Bord befinden, sei bei einem so hohen und unübersichtlichen Schiff nicht ungewöhnlich, sagt Polizeisprecher Schöpflin. Gegen sie wird bislang nicht ermittelt. Auch weil sie nur beratende Funktion haben.

Auch Service-Kraft Dennis Gundlach war bis kurz vor dem Unfall mit an Bord der "Viktoria". Er sagt: "Plötzlich war unser Schiff weg." Die Hadag-Fähre "Harburg" fing die "Viktoria" später wieder ein. Wie hoch der Schaden an dem Hafenschiff ist, weiß Eigner Stefan Willers noch nicht. Am Freitag wurde es zur Norderwerft gefahren. Dort soll der Elbdampfer repariert werden. Gleichzeitig sei ein Sachverständiger bestellt worden, der die Schäden am Montag inspizieren soll. Auf dieser Basis werde die Werft dann einen Kostenvoranschlag erstellen. Willers war noch in der Nacht zu dem bereits 1901 in Hamburg gebauten Schiff geeilt, das er zusammen mit einem Geschäftspartner im vergangenen Jahr erworben hatte. Der Schaden sei höher, als er sich noch in der Nacht dargestellt habe, sagte er dem Abendblatt. Wie eine Testfahrt ergab, seien nicht nur das Oberdeck beschädigt und die Fenster eingedrückt. Durch den Aufprall haben sich auch die Schiffswelle und die Lager verzogen. "Die Schraube nimmt kein Wasser." Er schätze den Schaden auf 50 000 bis 100 000 Euro, möglicherweise liege auch ein Totalschaden vor. "Es wird auf jeden Fall eine größere Hausnummer."