Aufbruchstimmung in Cancún

Die Uno-Klimagipfel sind besser als ihr Ruf. So startete in Kopenhagen die größte Bewusstseinskampagne der Weltgemeinschaft, meint der Chef von Germanwatch

Alle Jahre wieder - meist zur Adventszeit - gibt es einen Klimagipfel im Rahmen der Uno-Klimarahmenkonvention. Im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll haben nahezu alle Staaten dieser Welt diese Konvention ratifiziert, also auch die USA. Regelmäßig soll durch solch einen Gipfel überprüft werden, ob im Rahmen der "gemeinsamen und differenzierten Verantwortung" zwischen Entwicklungs- und Industrieländern genug getan wird, einen für alle gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Das nächste Treffen begann gestern im mexikanischen Cancún und endet am 10. Dezember.

Bringt es aber nach Kopenhagen überhaupt etwas, jetzt wieder einen großen Klimagipfel einzuberufen? Ein uneingeschränktes Ja ist die vielleicht erstaunliche Antwort. Ja, denn wir sind heute weiter als je zuvor. Paradoxerweise auch bei den Erfolgen im Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel, vor allem beim Fortschreiten in Richtung auf einen gefährlichen Klimawandel. Das schmelzende Grönlandeis und Wetterextreme wie die grauenhafte Flutkatastrophe in Pakistan sprechen eine deutliche Sprache.

Eine gute Botschaft: Es wird heute von Ecuador über Kenia und China bis zur arabischen Region eine Menge in Richtung Klimaschutz getan. Im letzten Winkel des Planeten weiß man heute, dass es für die jetzt lebenden und insbesondere die zukünftigen Generationen nicht akzeptabel ist, wenn die durchschnittliche globale Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit über zwei Grad Celsius hinausgeht. Die weltumspannende Erkenntnis über das sogenannte Zwei-Grad-Limit ist aber erst knapp zwölf Monate alt, vereinbart im Dezember 2009 in Kopenhagen.

Kopenhagen war die größte Bewusstseinskampagne, die es je gegenüber der Weltgemeinschaft und ihren Führern gegeben hat. Denn bei allem Misserfolg beim Ziel, ein Uno-Klimaabkommen auszuhandeln, ist danach derart viel auf nationaler Ebene an Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen angestoßen worden, dass es fraglich ist, ob dies mit Rückendeckung eines internationalen Abkommens und dem stets folgenden Kleinklein der Detailverhandlungen so auch schon geschehen wäre. Vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern tut sich erfreulich viel.

Ein Grund ist der sogenannte Kopenhagen-Akkord, den inzwischen 138 Staaten unterstützen. Er hat das Zwei-Grad-Limit zu einer gemeinsamen Zielsetzung und Richtschnur gemacht. Das hatte es bis dahin nicht gegeben. Gleichzeitig fragten sich viele Staatsführer, die die dänische Hauptstadt unverrichteter Dinge verließen, ob man nicht besser selbst das als notwendig Erachtete macht, anstatt auf internationale Verpflichtungen zu warten. Dazu kam mehr und mehr die Ahnung auf, dass mit einem Umschwenken auf eine solare Wirtschaft gutes Geld verdient werden kann und Wettbewerbsvorteile zu erzielen sind. Zusätzlich haben viele erkannt, dass die Weltgemeinschaft sich von den USA befreien muss. Deren Inaktivität in der Bundesgesetzgebung hat lang genug als Bremsklotz für notwendige Fortschritte gewirkt. Obama allein ist nicht in der Lage, hier eine Veränderung herbeizuführen.

Man muss aber trotz aller nationalen Aktivitäten auch auf Fortschritte im internationalen Verhandlungsprozess setzen. Dies vor allem, weil es Mechanismen braucht, um den Meistbetroffenen und den meist verletzlichen Staaten bei ihren Anpassungsmaßnahmen finanziell zu helfen, vielfältige und neue Technologiekooperationen zu ermöglichen und um beim Waldschutz endlich voranzukommen. Genau dies macht Cancún bedeutsam. Es geht darum, nach dem Scheitern der Strategie des einen großen Wurfes in Kopenhagen eine kluge Alternative zu entwickeln, wie die notwendigen Ziele trotzdem erreicht werden können.

Zentral ist, dass in Cancún und im nächsten Jahr in Südafrika eine neue Aufbruchstimmung entsteht. Zum Beispiel durch neue Koalitionen: Die kleinen Inselstaaten und die Bergstaaten artikulieren ihre Sorgen und Lösungsvorschläge, übergreifend arbeiten Vorreiter neu zusammen in der sogenannten Cartagena-Gruppe, und auch die Schwergewichte unter den Emittenten suchen neue Formen der Zusammenarbeit. Vor allem Südafrika, Brasilien, Südkorea, China und Gastgeber Mexiko sind wichtige Akteure, mit denen die EU und Deutschland auch bilateral eng zusammenarbeiten sollten.

Wenn es gelingt, eine Aufwärtsspirale in Gang zu setzen, wird rückblickend die Bedeutung auch des Gipfels von Kopenhagen viel größer sein, als es heute erscheint.