Kriminalpolizei

CSI Hamburg: Der spannende Beruf der Tatortermittler

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Jan-Eric Lindner

Sie sind Tatortermittler. Diejenigen, die jede noch so kleine Spur sammeln. Ihr Job ist so spannend, dass daraus TV-Serien entstehen.

Hamburg. Sie sichern fliegende Fasern und verborgene Dateien, machen Unsichtbares sichtbar, fördern mit Technik, Näschen und Menschenverstand jedes noch so kleine Detail eines Tatorts zutage. Ob Hautschüppchen, Ohrabdrücke oder Erdklümpchen: Am Tatort weiß noch niemand, welche Spur am Ende die entscheidende sein könnte. Den Kriminaltechnikern der Hamburger Polizei reicht oft schon ein mikroskopisch kleines Puzzleteil, um einen Straftäter per Sachbeweis dingfest machen zu können - doch ohne die Leute am Tatort, die Spurensicherer, gäbe es jene Puzzleteile gar nicht. Das Abendblatt hat die Spürnasen im LKA besucht. Eine Abteilung, deren Arbeit an die der TV-Serie CSI New York erinnert, die weltweit Millionen Zuschauer fasziniert.

"Suchen, sichern, dokumentieren" - so fasst Ingo Röder, der Chef der Kriminaltechnik und somit auch der 30 Hamburger Spurensicherer zusammen, was die Tatortermittler Tag und Nacht für die Sicherheit der Hamburger tun. Seit 1993 gibt es im Hamburger LKA eine Spezialdienststelle Spurensicherung. "Vorher", so erzählt Röder, "hat ja quasi jeder Sachbearbeiter selbst seine Spuren gesichert. Nur wenn man Glück hatte, kam mal ein Experte." Eine wahre Kriminalitätswelle und eine deutliche Verbesserung der technischen Möglichkeiten bewogen den damaligen Innensenator Werner Hackmann und die Bürgerschaft zum Beschluss, eine neue Dienststelle einzurichten - die erste Spurensicherungs-Spezialdienststelle bei einer Länderpolizei.

Aus den damals acht Mitarbeitern sind inzwischen 30 geworden. "Einmal Spurensicherer, immer Spurensicherer", heißt es bei den Ermittlern mit Lupe und Staubpinsel. Der Mitbegründer und langjährige Leiter der Spurensicherer, der vor Kurzem pensionierte Hans-Joachim Goy, hat seiner Dienststelle sogar ein eigenes Maskottchen gemalt und es Fiete Argus getauft. Fiete trägt Vergrößerungsglas, Taschenlampe, Fotoapparat, Staubpinsel, Klebestempel, Zollstock, Fusselklebebänder und Wattestäbchen in seinen Taschen.

So ausgerüstet, sehen echte Spurensicherer in mancher Woche mehr Tatorte als andere Beamte in ihrer gesamten Laufbahn: Ihre Arbeit ist gefragt nach Ein- und Aufbrüchen, nach Mord und Totschlag, Feuer und Vergewaltigung. Immer, so gesehen. Etwa eine Stunde dauert ihr Job an Tatorten sogenannter Massendelikte wie Diebstahl von Dingen, die in Autos lagen. Bis zu 20 Mannstunden verbringen Röders Leute an Orten, an denen jemand getötet wurde - an Tatorten, wie dem in Lurup (Bericht rechts).

Für derartige Einsätze sind die Spurensicherer rund um die Uhr im Schichtdienst-Einsatz. Ihre Erkenntnisse dienen später den Spezialisten als Arbeitsgrundlage: Chemikern, Biologen, Daktyloskopen, DNA-Fachleuten und Computerexperten. "Bei der Hamburger Polizei hat man Spurensicherung und -auswertung bewusst getrennt. Auswerter sollen unvoreingenommen an die Spuren herangehen - und nicht Gefahr laufen, aus möglichem Stolz auf die gefundene Spur verfälschte Ergebnisse zu liefern", sagt Röder.

Nach wie vor gilt der Fingerabdruckvergleich als kriminalistische Königsdisziplin. Seit 1904 sichert die Hamburger Polizei jene unverfälschbaren Beweismittel. Röder: "Sie sind unverzichtbar - ähnlich wie mittlerweile die DNA-Analyse. Oder noch mehr. Nehmen Sie eineiige Zwillinge: Die haben dieselbe DNA, aber nicht dieselben Fingerkuppen." Andererseits, so erzählt Röder, gab es in Hamburg auch schon einen Delinquenten, der in der Wissenschaftswelt Aufmerksamkeit erregte: ein Mann ohne Fingerlinien. Sein Fingerabdruck war vollkommen ebenmäßig: ein seltener Erbdefekt.

Über Jahre sträflich vernachlässigt worden sei, so Röder, das Sichern von Ohrabdrücken: "Ohren sind genauso einzigartig wie Fingerabdrücke. Und gerade Einbrecher lauschen oft an Türen, bevor sie sie aufbrechen." Mittlerweile verfügt die Hamburger Polizei über ein ansehnliches Ohrabdruck-Archiv. Auch die Abdrücke ganzer Gesichter haben es den Ermittlern angetan. Nicht selten, in Fällen nämlich, bei denen nach einem Unfall unklar war, wer den Wagen lenkte, haben sie die Airbags unter die Lupe genommen - und anhand der Haut- und Fettspuren den wahren Fahrer enttarnt. Spurensicherung ist ohne Frage Kleinstarbeit: Minimale Tröpfchen von Körperflüssigkeit sichern die LKA-Experten, indem sie ganze Tatorte in dunkelblaues Licht tauchen. Das Blaulicht lässt Eiweiß-partikel geradezu strahlen. Speichel- und Spermaspuren beginnen so zu leuchten.

Es sind zwei auch in der Hamburger Kriminalgeschichte herausragende Fälle, die Ermittler Goy besonders im Gedächtnis sind: der Fall des "Ohlstedter Kinderschänders", der Mädchen verschleppte und missbrauchte. Und der Fall Reemtsma.

Goy erinnert sich an den Aufwand, mit dem der greise Kindesentführer Hans Gerold B. überführt wurde. In tagelanger Arbeit klebte eine Kollegin den Wagen des Mannes mit fusselsichernder Folie ab. Zentimeter für Zentimeter. Einige von Tausenden gesicherter Fasern stammte aus der Tennishalle, in der eines der Opfer vor ihrer Entführung Training gehabt hatte. B. wurde verurteilt. Die Entführung des Jan-Philipp Reemtsma wird Goy vor allem wegen der Unvereinbarkeit der Spuren mit den Erinnerungen Reemtsmas auf ewig erinnern. Erst nach mehrmaliger Begehung des Kellerverlieses löste sich das Rätsel: Die Entführer um ihren Chef Thomas Drach hatten sowohl die Heizkörper versetzt als auch Bohrlöcher verschlossen. Sie hatten sogar Fenster simuliert, indem sie Stahlplatten an die Wand schraubten. Reemtsma sollte glauben, dass sich hinter den Platten Fenster befänden.

Doch bei Weitem nicht alle Straftäter, auch das haben Goy und Röder gelernt, sind zu solch vorausschauender Tatbegehung fähig. Im Gegenteil. Die meisten von ihnen unterschätzen die Möglichkeiten und Methoden der Polizei - oder es ist ihnen völlig egal, wie sie den Tatort hinterlassen. "Einbrecher zum Beispiel", weiß Röder, "die lassen oft ein wahres Eldorado an Spuren zurück." Einer der liebsten Kunden des Ermittlers deponierte zum Beispiel einen angebissenen Apfel am Tatort. Weil er bereits in der DNA-Kartei gespeichert war, kam man ihm ohne Aufwand auf die Schliche. Ein anderer war so vorsichtig, dass er mit Latexhandschuhen am Tatort erschien. Er hinterließ keinerlei Fingerabdrücke in der Wohnung. Wohl aber in den Handschuhen, die er schlicht am Tatort vergaß.

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