Debatte

Wege aus der Sprachlosigkeit

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Ralf Konersmann

Reizworte wie "Atomtod" und "Startbahn West", wie "Castortransporte" und "Stuttgart 21" haben die Geschichte der Bundesrepublik begleitet und von Beginn an geprägt. Während die Bürger anderer Demokratien wie zuletzt in Frankreich vor allem auf soziale Konflikte reagieren, entzündet sich das Unbehagen in Deutschland an industriellen Großprojekten.

Die Schlichtungsgespräche in Stuttgart, die mittlerweile in die dritte von derzeit geplanten acht Runden gegangen sind, werden von beiden Seiten mit beeindruckender Ernsthaftigkeit geführt. Sie zerstreuen den herkömmlichen Verdacht, im Protest lebe sich eine irgendwie romantische oder gar typisch deutsche Technikfeindlichkeit aus. Wenn es aber um radikale Technikkritik nicht geht - worum geht es dann?

In Stuttgart, so war zuletzt oft zu hören, ständen die Landtagswahl im kommenden März und die Bundesratsmehrheit der Kanzlerin auf dem Spiel. Wer genau hinhört und die langfristige Entwicklung bedenkt, gewinnt einen anderen, einen differenzierteren Eindruck. Über das einzelne Projekt hinaus geht es um eine politische Frage, ja um den Status des Politischen überhaupt.

Die Frage ist, ob und wie die Politik sich gegenüber der inneren Logik wissenschaftlich angeleiteter, technisch umgesetzter und bis in die Entscheidungsprozeduren hinein automatisierter Prozesse behaupten und ihre Entscheidungshoheit durchsetzen kann.

Es sind vermeintliche Sachzwänge, die Suggestion der Alternativlosigkeit, gegen die die Bürger aufbegehren. Vor gut einem halben Jahrhundert hat die Philosophin Hannah Arendt auf das Phänomen der Sprachlosigkeit wissenschaftlich-technischer Erkenntnis hingewiesen. Ihr Beispiel war die Atombombe, und als Akteure hatte sie Naturwissenschaftler vor Augen, die soeben die Möglichkeit der Freisetzung ungeheurer Energien geschaffen hatten, ohne - wohlgemerkt als Wissenschaftler - in der Lage zu sein, über Sinn und Zweck dieser Mittel ein Urteil zu formulieren oder sich auch nur zu bilden.

Arendt war klug genug, sich von der Außerordentlichkeit ihres Beispiels nicht irremachen zu lassen. Die Sprachlosigkeit der Technik ist allgemein, denn um zu funktionieren, bedarf sie der Worte nicht. Längst ist ihre Symbolsprache zu Formeln geronnen, die sich, wie Arendt argumentiert, "auf keine Weise zurück in Gesprochenes verwandeln lassen".

Die spezifische Lage, zu der die Entfesselung der technisch-industriellen Potenziale geführt hat, überfordert jede Ethik, die sich auf die Logik der Situation immer schon eingelassen hat. Die mehr als ethische, die politische Praxis verlangt einen größeren Einsatz. Der politische Umgang mit der Technik setzt die Bereitschaft voraus, aus der inneren Logik hochgradig formalisierter Verläufe und Sachzwänge herauszutreten und eine Sprache für Phänomene zu finden, die sich der Sprache entziehen. Es gilt, die Eigendynamik zu durchbrechen und die technisch-industrielle Expansion samt ihren sozialen und kulturellen Begleiterscheinungen verhandelbar zu machen.

Die Gespräche, die in Stuttgart vor den Augen der Medienöffentlichkeit geführt werden, sind eine Chance. Sie liegt darin, über die bloße Moderation hinaus zu angemessenen Formen der Artikulation zu finden. Dass jüngst ein Vorstandschef den Kritikern ernsthaft mit dem Argument entgegentrat, ihre Aktionen gefährdeten womöglich vergleichbare Projekte an anderer Stelle, zeigt die ganze Orientierungslosigkeit, mit der auf diesem Feld gehandelt und entschieden wird.

Auf der anderen Seite ist der naturreligiöse Fundamentalismus der Protestfolklore kein bisschen klüger. Die Blindheit und ideologische Überfrachtung der Positionen sowie der hohe Anteil symbolischer Handlungen ("Schottern") sprechen dafür, dass beide Konfliktparteien vor dem gleichen Problem stehen.

Hier wie dort wird die Rückgewinnung der politischen Initiative davon abhängen, ob es gelingt, Wege aus der Sprachlosigkeit zu finden und die Urteilskraft zu stärken.

Es muss deutlich erklärt werden, von welcher Last die Technik befreien und welche Bedürfnisse sie befriedigen soll. Und die Menschen werden sich Klarheit zu verschaffen und darüber zu entscheiden haben, ob es das ist, was sie wollen.

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