Abhängigkeit

Jannik erlebt einen Drogentrip ohne Rückkehr

Foto: Pressebild.de/ Bertold Fabricius / B. Fabricius

In der Pubertät wollen Jungendliche Grenzen austesten. Jannik ist 17 und hat verschiedene Drogen ausprobiert - seine Seele wurde krank.

Hamburg. Die Außerirdischen tarnten sich manchmal als alte Frauen, die ihn in der S-Bahn anlächelten. Doch Jannik* war klug, er wusste, dass sie es auf ihn abgesehen hatten. Sie wollten ihn holen, um ihre fiesen Experimente mit ihm zu machen. Die Flucht gelang ihm, jedes Mal.

Ein Vormittag in diesem Sommer. Im zweiten Stock eines roten Backsteinhauses der Uniklinik Eppendorf liegt die Suchtstation. 100 Jugendliche, die sich mit Alkohol, Drogen oder PC-Spielen zudröhnen, ziehen hier jedes Jahr ein und aus.

Jannik ist ein besonderer Fall. Er sitzt in einem der Gesprächszimmer, Potpourri-Duft erfüllt den Raum. Vor dem Fenster liegt ein Tennisplatz, er grenzt an den Zaun des UKE. Paare in weißer Sportkleidung spielen Doppel, albern, lachen. Eine andere Welt.

Jannik ist ein ernster Junge, vor wenigen Wochen ist er 17 geworden. Ein schwarzer Kapuzenpulli und Jeans schlabbern um seinen Körper, seine Hosenbeine rascheln unter dem Tisch, Jannik wackelt permanent mit den Beinen.

Ein Käppi verdeckt seine blonden Haare. Es sitzt schief, das ist gewollt, Hip-Hop-Style. Der Schirm wirft einen Halbschatten auf sein kindliches Gesicht. Jannik schaut anfangs nur selten darunter hervor. "Inzwischen weiß ich, dass die Außerirdischen Teil meiner Krankheit sind", sagt er. Doch in seiner Stimme schwingt Zweifel, seine blauen Augen blicken misstrauisch. Die Drogen haben Jannik nicht nur süchtig, sondern auch seinen Geist krank gemacht. Die Zahl der Personen mit cannabisbezogenen Störungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.

Jannik fing mit elf an zu rauchen, mit zwölf an zu trinken, mit 13 kiffte er zum ersten Mal. Zwei Stunden hätten sie im Freibad voll abgelacht, sagt Jannik, und deutet ein schiefes Lächeln an, das seine Augen nicht erreicht. "Das Wasser hat sich anders angefühlt, beim Tauchen war alles weit weg." Alles . Das waren die Probleme in der Schule, zu Hause, das Hadern mit sich. Schon im Kindergarten habe er gedacht, dass ihn die anderen schneiden, weil er hässlich sei, sagt er und senkt seinen Kopf. Jannik ist nicht hässlich. Doch vermutlich hat ihm das noch nie jemand gesagt. Wahrscheinlich ist das schon Teil des Problems.

Er kiffte täglich, dann nahm er auch LSD, Speed und Ecstasy

Anfangs kiffte Jannik einmal in der Woche, an Bushaltestellen, auf Spielplätzen, bald darauf täglich. Manchmal 20 Köpfe Gras am Tag, sagt er. Köpfe bezeichnen die Aufsätze einer Wasserpfeife. Ab und zu nahm er auch LSD, Speed und Ecstasy. Was Jannik nicht wusste: In ihm schlummerte eine psychotische Veranlagung, genetisch bedingt. Viele Menschen haben das, ohne es zu ahnen. Bei den meisten bricht sie nie aus, doch Drogen können die Veranlagung aktivieren. Dann verschmelzen Wirklichkeit und Wahn zu einer eigenen Realität, in der lächelnde Omis Außerirdische sind.

Experten schätzen, dass bis zu fünf Prozent der schweren Cannabis-Konsumenten eine sogenannte substanzinduzierte psychotische Störung entwickeln. Die Betroffenen fühlen sich verfolgt, nehmen ihren Körper plötzlich als fremd wahr, ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück und leiden unter unkontrollierten Aggressionen. Jannik brach sich einen Finger, als er vor Wut gegen eine Wand schlug.

Seine Psychose erwachte vor zwei Jahren. "Ich lag im Bett und hatte plötzlich das Gefühl, dass eine Hand nicht mehr zu mir gehört und noch eine zweite Person in meinem Kopf ist, ich habe mich nicht mehr getraut, in den Spiegel zu gucken", erzählt Jannik. Sein Blick flattert, die Erinnerung wühlt ihn auf. Sein leichtes Lispeln ist stärker geworden, seine Stimme überschlägt sich fast, so schnell sprudeln die Worte aus ihm heraus: Wochenlang habe dieser Zustand angehalten, er habe sich kaum noch aus dem Haus getraut, war sich sicher, dass sein Handy sein Denken und Fühlen verstrahle, aß er etwas, glaubte er, jeder Bissen würde in seiner Lunge landen, weil seine Speiseröhre einen Riss habe, am schlimmsten seien aber seine Verschwörungstheorien gewesen, aus Angst vor einer übergeordneten Instanz habe er sogar zu stottern begonnen.

Drei Wochen blieb Jannik clean. "Ich dachte, bekifft könnte ich mich unbewusst umbringen", sagt er. Als sich die Symptome verbesserten, steckte er sich einen Joint an. Suchtdruck, nennen Mediziner das. Sofort waren auch die Außerirdischen zurück.

Drogen können bei Menschen wie Jannik zu einer Psychose führen

Nur einen Parkplatz von der Jugendsuchtstation entfernt sitzt Rainer Thomasius. Sein Büro befindet sich im Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, Thomasius ist der Chef. Er trägt eine graue Anzughose, ein helles Hemd und eine Krawatte, das seriöse Outfit unterstreicht die Autorität des Ärztlichen Leiters für die Jugendlichen in ihren Kapuzenpullis.

"Drogen manipulieren das Gehirn. Das kann Glücksgefühle provozieren, aber auch ein ungefiltertes Einströmen von Außeneindrücken, was bei Menschen mit entsprechender Veranlagung in einer lebenslangen Psychose münden kann", erklärt der Professor. "Wurde sie einmal geweckt, kann sie jederzeit wieder aufblühen, mit und ohne Drogen." Als er Jannik zum ersten Mal sah, fiel ihm sofort auf, dass dieser selbst in Situationen, in denen es unangebracht war, bizarr lächelte. "Psychotische Menschen bringen ihre Furcht oft unangemessen zum Ausdruck", erklärt Rainer Thomasius.

Seit fast drei Monaten ist Jannik, der in einem Reihenhaus mit Garten am Rande Hamburgs aufwuchs, inzwischen auf der UKE-Station. Zwölf Wochen haben die Mitarbeiter Zeit, um Seelen zu kitten, die über Jahre langsam zerbrochen sind. Es ist nicht viel Zeit. Glastüren teilen den langen hellen Flur, der Alltag verliert sich in vielen kleinen Zimmern, von früh bis spät haben die Jugendlichen Gesprächs- und Ergotherapien, Abstinenz- und Sozialtraining. Die Patienten kommen aus Wilhelmsburg wie Winterhude, Sucht ist unabhängig vom sozialen Status - aber nicht von der Familie.

Zu Hause sei langsam alles in die Scheiße geritten, sagt Jannik. "Mit zwölf habe ich erfahren, dass der Lebensgefährte meiner Mutter gar nicht mein Dad ist", beginnt er. Jannik hatte im Tagebuch seiner drei Jahre älteren Schwester gelesen. Ein halbes Jahr schleppte er das Wissen mit sich rum. "Ich wollte das nicht glauben", sagt er.

Eines Tages sei es dann einfach aus ihm rausgeplatzt. Zwei Monate danach sei sein Vater, beziehungsweise der Mann, von dem er es dachte, ausgezogen. Jannik weiß, wo der Fernfahrer wohnt, seine Telefonnummer hat er nicht. Wie es ihm damit geht? Jannik zuckt mit den Achseln, sagt nichts. Als kurz darauf auch sein bester Freund wegzog, fing Jannik an zu kiffen. Für drei bis fünf Stunden verrauchte das Gefühl der Verlassenheit, so lange hält ein Cannabisrausch an. Die Drogen finanzierte er anfangs mit seinem Taschengeld. 15 Euro von der Mutter, 25 von der Oma. Später dealte er, um seinen Bedarf zu decken.

Seine Mutter habe von alldem nichts mitbekommen. "Wir haben uns nur noch angeschrien, irgendwann hat sie mich rausgeworfen." Seit vergangenem August lebt Jannik in einer betreuten WG, die das Jugendamt bezahlt. Er muss clean bleiben, sonst fliegt er auch da raus. Am Telefon versichert Janniks Mutter Marion*, ihr Sohn habe eine tolle Kindheit gehabt. "Wir leben ja nicht im Getto", sagt die 42-jährige Friseurin. Jannik habe sogar schon Ferien in der Karibik gemacht. Dass ihr Sohn Drogen genommen hat, erklärt sie mit drei Worten: "Falsche Freunde, Langeweile."

Die fürsorgliche Fassade der Frau bröckelt schnell. "Jannik ruft nur an, wenn er was will", beschwert sie sich. Was er fordere? "Dass er mal wieder eine Unterschrift braucht." Wie oft sie mit ihrem Sohn telefoniert? "Mir hat ja keiner gesagt, wann ich da anrufen kann." Bevor sie auflegt, zitiert sie triumphierend den Rat, den sie von einer Frau von der Drogenberatungsstelle bekommen haben will: "Der muss ganz tief fallen, hat die gesagt."

Jannik sitzt jetzt nicht mehr am Tisch. Er ist in sein Zimmer auf der Suchtstation gegangen. Auch von hier sieht er den Tennisplatz, die spielenden Menschen, deren Lachen seine Traurigkeit vielleicht manchmal noch verstärkt. Weil sie etwas haben, das der Jugendliche nicht kennt: Freude.

Die Wände sind kahl, nur an einer Pinnwand hängt ein weißes Blatt. "Körperhaltung" hat Jannik mit schwarzem Edding darauf geschrieben. "Ich gehe zu gebückt, hat man mir hier gesagt." Jannik strafft die Schultern. Auf einem Tisch liegen Zeichnungen, Graffitibilder und karierte DIN-A5-Zettel. Sie sind dicht beschrieben. Jannik schreibt Rap-Texte, schon mit sechs Jahren habe er Eminem gehört. "Es ist kein Glück wie Kartenspiele, seht es ein, nichts kommt von allein, darauf warten viele", steht auf einem Blatt. Er werde es beweisen, sagt Jannik.

Um ihn vor den Außerirdischen zu schützen, bekommt Jannik ein spezielles Medikament, hoch dosiert. Das Neuroleptikum unterdrückt seine Psychose, die Wahnbildung, ordnet sein Denken und macht ihn kontaktfähiger. Zwei Jahre lang soll er es nehmen. Das Mittel stabilisiert ihn, seitdem er sich in einem der vier Krankenzimmer der Entzugsstation ins Leben zurückschwitzte.

Jannik schaut auf sein Handy, es ist schon nach drei. Alle zwei Stunden darf er eine Zigarette rauchen, insgesamt sechs am Tag. Als Jannik bemerkt, dass er keine mehr hat, verändert sich sein Gesicht. Sein Blick wird kalt, seine Lippen schmal. "Jetzt habe ich noch nicht mal mehr eine verdammte Kippe", schreit er und schubst den Tisch durch sein Zimmer. Jetzt ist kein Rankommen mehr an ihn, sagt eine Krankenschwester. Kurz zuvor gab sich Jannik noch unantastbar. Er nehme alles nur noch hin, sagte er, in ihm sei alles dumpf. "Ich habe zum letzten Mal geweint, als mein Vater gegangen ist." Jannik weint sich oft in den Schlaf, wissen andere auf der Station.

Glauben Sie, dass Jannik es schafft? "Er muss jeglichen Drogengebrauch vermeiden", betont Rainer Thomasius eindringlich. Statt einer Antwort. Glaubst du, dass du es schaffst? "Ich bin ein kleines bisschen unsicher, ob ich clean bleibe", sagt Jannik.

Er weiß, dass der Drang, sich wegzudröhnen, mächtiger sein kann als die Angst vor den Außerirdischen. In der Therapie hatte er zwei Rückfälle, die Drogen werden über den Zaun geworfen, die Patienten dürfen ihre Handys behalten.

"Aber hey", sagt Jannik dann. "Ich bin erst 17, ich kann noch die Kurve kriegen." Nach seiner Entlassung werde er erst seinen Hauptschulabschluss machen, dann Zivildienst, dann den Realschulabschluss, dann eine Ausbildung, dann Fachabitur, dann Musik oder Philosophie studieren. Wahrscheinlich werde Jannik noch längere Zeit Hilfestellung brauchen, sagt Rainer Thomasius. Es klingt sehr zurückhaltend.

Sonntags hat Jannik Ausgang, dann fährt er zu seiner Schwester. Dank seiner Medikamente hat er keine Angst mehr vor lächelnden Frauen in der S-Bahn. Manchmal macht seine Schwester ihm einen Hackbraten, den mag er gern. Als er davon erzählt, strahlt Jannik. Es ist das erste Mal. Dann sagt er diesen Satz: "Eigentlich sehne ich mich nur nach Liebe."