Offen gesagt

Flucht in andere Welten

Eine Glosse von Alexander Josefowicz

Das Dasein als Fan ist anstrengend. Unabhängig von Vernunftgründen muss das Objekt der Begierde gegen alle Anfeindungen von außen verteidigt werden, stets ist man auf der Suche nach Neuigkeiten, seien sie auch noch so banal. Bisweilen werden andere Teile des Lebens sträflich vernachlässigt.

Völlige Selbstauflösung zugunsten eines Idols kennt man zumeist von entfesselten Fußballfans, die Heim-, Auswärts-, Freundschafts- und Feindschaftsspiele gleichermaßen besuchen, den zweiten Vornamen vom Schwippschwager des Zeugwarts von 1972 kennen und jede Nachfrage, ob diese Art der Verehrung nicht eventuell ein wenig zu weit gehe, brüsk beiseite wischen.

Die Vampirschmonzette "Twilight", mit deutlich mehr Enthusiasmus als Talent von einer Hausfrau aus Arizona verfasst, führt zu ähnlichem Verhalten in Buchhandlungen, Kinosälen und besonders im Internet. Die Begeisterung für die Blutsauger überspringt dabei mittlerweile die Generationsgrenze. Die "Twilight Moms" vernetzen sich über Foren und Chatrooms und posten Bilder ihrer vom Ehemann verlassenen (?), mit Vampir-Devotionalien dekorierten Schlafzimmer, die denen ihrer Töchter in nichts nachstehen. Mit Plakaten bewaffnet stürmen sie im Rudel die Lichtspielhäuser und bezahlen Unsummen für Reliquien rund um Vampir Edward und seine Gespielin Bella.

In feinster Erfüllung des überkommenen Familienbilds könnte man sich künftig zweigeteilte Ausflüge am Sonnabend vorstellen: Mutter und Tochter gehen zum Blutsauger-Anschmachten ins Kino, Vater und Sohn zum Mannschaft-Bejubeln ins Stadion.

Und auch Panini ist die Ähnlichkeit zwischen rundem Leder und spitzen Zähnen nicht entgangen. Zwar gibt es noch kein Sammelalbum, aber Fotokarten darf man bereits mit zittrigen Fingern aus den Tütchen fummeln.