Kommentar

Kein Land ist davor sicher

Der Anschlag von Toulouse weist auf rassistische Motive

Es zeugt nicht eben von ausgeprägtem Feingefühl, wenn die EU-Außenministerin Ashton am Tag nach dem Anschlag von Toulouse den dortigen Mord an Kindern mit den Geschehnissen im Gazastreifen gleichsetzt. Man mag zu anderer Zeit lebhaft über die israelische Besatzungspolitik streiten; mit dieser monströsen Bluttat kann sie nicht in einem Atemzug genannt werden. Die Aufregung über diesen Lapsus ist ohnehin nur ein Sturm im Wasserglas und lenkt vom Wesentlichen ab: der Frage, wie es möglich ist, dass in drei zivilisierten Ländern Europas Täter heranwachsen konnten, die aus rassistischen Motiven zu unfassbar brutalen Massenmördern wurden. Denn das kann bei aller Vorsicht bezüglich der Morde von Toulouse an vier Juden und drei Franzosen mit nordafrikanischem Migrationshintergrund festgestellt werden.

In Norwegen fielen 77 junge Menschen einer diffusen Wut des Täters über Immigranten zum Opfer. Die Neonazi-Morde in Deutschland mit neun türkischen und griechischen Todesopfern hatten einen ähnlichen Hintergrund. In allen drei Fällen stellten sich die Täter außerhalb aller Normen menschlicher Zivilisation. Man muss sich vor Augen führen: Der Mörder von Toulouse ist auf ein dreijähriges Kind zugegangen, um ihm mit einer großkalibrigen Pistole in den Kopf zu schießen. Es ist möglich, dass er seine Tat filmte. Dieses Verhalten sprengt die Grenzen des Begreifbaren. Derartige Täter zu Geistesgestörten zu erklären wird dem Problem nicht gerecht. Unsere Gesellschaften müssen dringend analysieren, woran sie kranken. Woran es liegt, dass geradezu diabolische Elemente unerkannt in ihrer Mitte aufkeimen können.

Probleme bei der Integration mancher Immigranten in Europa dürfen ganz sicher nicht ignoriert werden - doch geklärt werden muss, welche Prozesse und Strukturen dazu führen, dass Unbehagen oder dumpfe Wut bei Menschen zu derart tödlichem, alles verzehrenden Hass werden kann.

Nicolas Sarkozy hat nicht immer nur kluge Dinge gesagt. Doch was er unter dem Schock der Morde von Toulouse hervorbrachte, hat Gültigkeit: "Es waren unser aller Kinder."