Debatte

Fan-Verbote bewirken nichts

Zwei Wissenschaftler vom Institut für Fankultur nennen geeignete Maßnahmen gegen die Gewaltspirale im Fußball

Die Hamburger Polizei hat dem FC St. Pauli verboten, Tickets an die Fans von Hansa Rostock zu verkaufen. Auch wenn wir die konkreten Anlässe für das Aussprechen von Verboten in unserer Arbeit im Institut für Fankultur (IfF) in Frankfurt ebenfalls verurteilen, so erreicht man nachhaltige Sicherheit in und um die Stadien eher durch andere Maßnahmen.

Beim Verbot handelt es sich um einen praktischen Begriff, der für klare Verhältnisse sorgen will. Klingt auf den ersten Blick ganz plausibel, denn überall dort, wo wir wissen, was richtig und was falsch ist, werden Verbote verstanden, akzeptiert und lassen sich leicht durchsetzen, sorgen für Ordnung und Sicherheit. Auch wenn das einleuchtend klingt, wären wir mit der Frage, was denn wirklich "richtig" und "falsch" ist, bei einem Problem des Verbots angelangt: dem Begründungsproblem.

Die Anhängerschaft von Hansa Rostock wird hier als Gruppe pauschal an den Pranger gestellt, ganz gleich, ob friedlich gesinnt oder nicht. Was genau hat diese Gruppe falsch gemacht? Nicht Einzelne, sondern diese Gruppe als Kollektiv? Natürlich nichts, denn die Fehler wurden - das liegt auf der Hand - von Einzelnen gemacht.

Neben dem Gerechtigkeitsargument gibt es aber noch das Erziehungsargument. Es ist die Hoffnung, dass wir das Verhalten der Menschen durch Verbote und Strafen wirksam beeinflussen und nachhaltig verändern können. Dieser erzieherische Gedanke ist beim polizeilich verordneten Ticketverbot für die Hansa-Fans die einzige nachvollziehbare Logik. Glücklicherweise wissen wir aber inzwischen, dass derartige Erziehungshoffnungen in den Bereich der Alltagstheorien und Illusionen gehören. Mehr noch, es gibt gute Gründe zu vermuten, dass diese Verbote sogar das Gegenteil bewirken.

Wenn Fußballfans ganz pauschal als Gruppe diskreditiert und mit Verboten belegt werden, schwingt hier immer ein starkes restriktives Moment mit, was letztlich maßgeblich dazu beitragen wird, Verbote immer kontraproduktiver werden zu lassen. Vor allem das Widerständige im Menschen trägt dazu bei, dass pauschale oder als ungerecht empfundene Verbote sich in der beabsichtigten Wirkung ins Gegenteil verkehren. Wir haben in unserer öffentlichen Kultur für dieses Wechselspiel aus Restriktion und Reaktion den treffenden Begriff der Empörung. Letztlich werden sich also einige Fans, die sich zu Unrecht von diesem Verbot der Hamburger Polizei betroffen fühlen, empören. Verbote sind also als denkbar ungünstiges Instrumentarium zur Problembewältigung anzusehen.

Was wäre zu tun?

Auch wenn der Anlass für das Verbot auf ein nicht akzeptables Fehlverhalten verweist und deshalb nach Konsequenzen verlangt, bietet die aktuelle Konstellation eine unmissverständliche Aufforderung zum Nachdenken. Die Analyse der meisten Verbote zeigt eindrücklich, dass restriktive Maßnahmen zumeist Ausdruck einer Überforderung derjenigen sind, die diese Verbote aussprechen. Durchdachte und vorausschauende Strategien des Konfliktmanagements fehlen. Ebenso Wege, um an die Fans heran- und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Die Konsequenz gegenseitiger Sprachlosigkeit kann nur dazu führen, dass wir mehr voneinander lernen und verstehen müssen. Wer ein derart komplexes Phänomen nicht kennt und versteht, kann auch nicht adäquat darauf reagieren. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Fankultur brauchen wir dringend eine differenzierte, wissenschaftliche Bestandsaufnahme zu den Gruppen, um irgendwann auch angemessen mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Bereits die vorliegenden Befunde erlauben den Schluss, dass restriktive Maßnahmen hier nichts bewirken. Das aktuell zu beobachtende Aussprechen immer neuer Verbote zeigt uns überaus deutlich, dass es höchste Zeit ist, diese Spirale aus Verbot, Empörung, Opposition, Gewalt und neuem Verbot endlich zu verlassen. Voraussetzung wäre ein umfassendes Verstehen der aktuellen Fankultur, das auch wissenschaftlichen Maßstäben gerecht wird. Lernen heißt verstehen, verstehen verlangt Offenheit und Empathie. An beidem fehlt es, leider!