Hamburger Kritiken

Von einem Extrem ins andere

Lange entschieden vor allem Investoren über Stadtentwicklung. Nun rücken Widerstandsinitiativen an ihre Stelle. Beides ist falsch

Auswärtige Besucher, die über den Kiez schlendern, dürften diese Debatte kaum verstehen. Zwar mag die Esso-Tankstelle an der Taubenstraße eine prima Kulisse für einen Wittenbrink-Liederabend oder Kamerateams des Privatfernsehens sein, als architektonische Schönheit aber fielen die Plattenbauten auf St. Pauli bislang nicht auf. Wer kein Fan der Tirana-Ästhetik ist, dürfte sich vermutlich am liebsten selbst in den Abrissbagger setzen. Doch auf St. Pauli geht es um mehr als die Frage von Ästhetik - es geht um die soziale Mischung des Kiezes und die Frage, wem eigentlich die Stadt gehört.

Bis vor Kurzem galten in Hamburg einfache Gesetze: Stadtentwicklung war zuvörderst eine Frage des Geldes, keine soziale Frage. Das sogenannte Höchstpreisverfahren - damit bezeichnete man die Praxis, stadteigene Grundstücke nach der Höhe des Gebots zu verkaufen - war dafür das Symbol. Es galt, so die Kritik, die pure Logik der Pfeffersäcke. Seit der Gängeviertel-Debatte ist das obsolet. Der holländische Höchstbieter Hanzevast kaufte 2008 das städtebaulich wie architektonisch wichtige Gängeviertel, um es dann verrotten zu lassen. Nachdem Künstler das Quartier besetzten und eine Solidarisierungswelle auslösten, kaufte die Stadt das Areal zurück. Und mit dem Künstler-Manifest "Not in Our Name - Marke Hamburg" gab es endlich die überfällige Diskussionsgrundlage, wohin sich Hamburg eigentlich entwickeln soll.

Zwar war das Höchstpreisverfahren für die Stadt und den Steuerzahler lukrativ und schuf für Immobilieninvestoren ein optimales Klima. Doch was Finanzsenatoren erfreut, muss den Bürgern nicht gefallen. Das Ergebnis des erzwungenen Renditedrucks sind Glasklötze und Bürotürme, gekrönt höchstens von hippen Penthäusern, die sich überall besichtigen lassen. Das Ergebnis ist eine "Stadt der Tiefgaragen", wie es die "Süddeutsche" einst formulierte.

Doch nun ist Hamburg dabei, statt einer Kurskorrektur gleich einen Radikalschwenk zu vollziehen. Wirtschaftliche Interessen stehen fortan unter Generalverdacht, nun muss offenbar allen alles gefallen. Doch ein Konzept, das allen gefällt, findet sich so leicht wie ein Parkplatz in Eppendorf. Investoren, Anwohner und Politik haben naturgemäß unterschiedliche Interessen.

Das lässt sich auf dem Kiez exemplarisch besichtigen. Dort kaufte der Investor Bayerische Hausbau 2009 die Esso-Häuser an der Reeperbahn. Die Platten von St. Pauli sind zum Kristallisationspunkt des Widerstands geworden. Natürlich muss man die Mieter einbeziehen, die fürchten, ihren günstigen Wohnraum zu verlieren. Und natürlich muss man verhindern, dass an der Reeperbahn ein ähnlich gesichts- wie maßloser Totraum wie auf dem neuen Bavaria-Gelände entsteht. Deshalb mischen Interessengruppen wie "Recht auf Stadt" mit, der Mitinitiator des Manifests "Not in Our Name", Ted Gaier, sogar in vorderster Front.

Doch die Esso-Häuser sind kein zweites Gängeviertel, sondern mehr und mehr Symbol für die Maßlosigkeit des Protestes. Über Monate zeigte sich der Investor gesprächsbereit, gab Gutachten in Auftrag und legte seine Pläne offen. Diese Gespräche sind nun gescheitert, weil die "Initiative Esso-Häuser" nicht von ihrer Maximalforderung "kein Abriss" abweicht. Auch wenn es manche vergessen: Es gibt auch Eigentümerrechte. Und dass der Eigentümer nach Jahren der Debatte irgendwann bauen möchte - übrigens knapp 200 Wohnungen mehr und zudem mit einer Preisgarantie für die jetzigen Mieter -, muss doch wohl noch möglich sein.

Zumal sich die Bayerische Hausbau vielleicht auch an das mit großem Brimborium geschlossene "Bündnis für das Wohnen" erinnert. Im September unterzeichnete der Senat einen Pakt mit der Wohnungswirtschaft. 2013 soll erstmals das Ziel von 6000 Wohnungen erreicht werden. Nur fragt man sich, wo in Hamburg noch gebaut werden darf. Allüberall im Stadtgebiet klettern Kleingärtner, Anwohner oder andere Betroffene auf die Barrikaden. Auf dem Kiez stellt sich die Politik noch an die Seite der Initiative. SPD-Bezirkspolitiker Andy Grote, vermutlich bald Bezirksamtsleiter in Mitte, drohte schon dem Investor, nur bei "ernsthafter Bürgerbeteiligung" grünes Licht für die Baugenehmigung zu geben.

Das dürften nicht gerade die Signale sein, auf die die Immobilienwirtschaft im Rahmen des Bündnisses für das Wohnen wartet.

Matthias Iken beleuchtet in der Kolumne "Hamburger KRITiken" jeden Montag Hamburg und die Welt