Hamburgs kleinste Galerie

Fahrstuhl-Fantasien an der Stresemannstraße

Der Kunstlift an der Stresemannstraße, Hamburgs kleinste und beweglichste Galerie, stellt für einen Moment die Ordnung der Welt infrage.

Hamburg. Laut rauschen die Autos über den nassen Asphalt auf der Stresemannstraße. Vorbei an dem Haus mit der Nummer 100. Ein grauer Wochentag. Und ein Eingangsbereich wie viele. Eine Glastür. Rechts die Briefkästen für fünf Stockwerke. In die rot gestrichene Wand ist die Tür für den Fahrstuhl eingelassen. Schlicht. Sachlich. Gemacht, um für die Menschen zu funktionieren.

Doch manchmal, im täglichen Trott, läuft es umgekehrt. Da dienen nicht die Dinge dem Menschen, sondern der Mensch den Dingen. Da läuft alles automatisch ab. Was war das noch gleich? Eine Fahrstuhlfahrt? Ein Knopfdruck, eine Tür, die sich schließt. Und schon ist alles weg. In solchen Momenten, in denen die Welt wie ferngesteuert wirkt, setzt Sabine Kullenberg ein. Sie interveniert. Sie sensibilisiert. Und sie hat dafür eine eigene Agentur gegründet: die Agentur für Identität.

"Das funktioniert wie in der chinesischen Medizin. Da wird der Patient auch nicht erst behandelt, wenn er krank ist, sondern präventiv", sagt Kullenberg in ihrer Wohnung im dritten Stock der Nummer 100. Silbern blitzen ihre Ponysträhnen auf der Stirn. Ihr Blick darunter ist gewitzt und ernst zugleich. Kunst ist für die Wahl-Hamburgerin, die über das Ruhrgebiet und Amsterdam an die Elbe kam, keine verzichtbare Dekoration, sondern Lebens- und Heilmittel. Selbst wenn deren Produktion ein ums andere Mal einer kreativen Selbstausbeutung gleichkommt.

Wenn ihr die Gesellschaft zu mechanisch, zu seelenlos, schlicht zu krank wirkt, dann injiziert Kullenberg diesem Patienten eine ihrer Aktionen. Und da so manches Übel chronisch zu werden droht, geraten viele ihrer Projekte zu Langzeitbehandlungen. Wie der "Kunstlift", in den sie den Fahrstuhl ihres Hauses einmal im Monat verwandelt. Oder verwandeln lässt.

Die stählerne Fahrstuhltür öffnet sich. Daniela Witzel kniet auf einem grünen Kissen. Neben ihr eine Box mit mehr als 100 Buntstiften. Pastellfarben und leuchtend, bunt und dunkel ragen die angespitzten Köpfe in die Höhe. Unter ihrem blonden Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hat, ragen Kopfhörerkabel. Witzel lauscht Chad van Gaalen, einem Singer/Songwriter aus Kanada. Und zu der sachte schwebenden, rockig driftenden Musik zeichnet sie an die Wände des Gefährts, das mit dickem Papier tapeziert ist.

Eine engelsgleiche Gestalt in Rosarot lässt sie nach unten abtauchen. Eine Figur, die an ein Schwein erinnert und eine Krone auf dem Haupt trägt, steigt Richtung Decke hinauf. Vielschichtige Wesen und fantastische Gewächse wuchern ineinander, Stunde um Stunde, die Witzel zeichnet. Offiziell dürfen sich 13 Personen in dem kleinen Raum aufhalten, besagt eine Plakette. Doch die 27-Jährige bevölkert ihn mit einer neuen, filigranen, wuchtigen Welt, die über die alltägliche weit hinausweist. Ein Knopfdruck, und schon ist alles da.

"Wenn die Fahrstuhltür zu ist, weiß ich nicht mehr, was draußen vor sich geht", sagt Witzel. Der Alltag bleibt außen vor, der Betrachter wird zum Teil der Zeichnung. Zurückgeworfen auf sich selbst durch Löcher in der Tapete, die Teile eines Spiegels freigeben.

Diesen Sonnabend möchte Witzel ihr Gemälde fertigstellen, wenn zwischen 17 und 22 Uhr der Kunstlift für die Öffentlichkeit fährt. Zum 28. Mal. Ehrenamtlich im Verein organisiert. Videokunst, Installationen und Performances waren schon in Hamburgs kleinster Galerie zu sehen. Kompositionen und Texte wurden eigens für die Fahrt in der Vertikalen geschaffen.

Ein "Kommunikationsnadelöhr" ist der Kunstlift für Kullenberg. Der Besucher muss sich drehen und wenden, um all die Details und Geschöpfe zu entdecken, die Witzel aus ihren Stiften zaubert. Um sich von den Bildern eine ganz eigene Geschichte erzählen zu lassen. Und um sich Fragen zu stellen.

Was passiert etwa, wenn man die Knöpfe drückt, die die Künstlerin neben die realen gemalt hat und vor deren Nummern sie Minuszeichen gesetzt hat? Gibt es Ebenen im Leben, die wir nicht sehen, sehen möchten? Wie hast du's mit der Religion? Gibt es einen Himmel, wenn ich nach oben fahre? Und eine Hölle, wenn es abwärts geht? Oder findet das Auf und Ab im Kopf statt? Runter in den Triebkeller, rauf in moralische Höhen - ist das so einfach? Wo sind Brüche? Eine Fahrt ins Ungewisse im besten Sinne.

"Es gibt kein Richtig oder Falsch in meinen Zeichnungen", sagt Witzel und lächelt. Sie arbeitet keinen Reißbrettplan ab, sondern lässt die Geschichte während des Zeichnens entstehen. Für dieses intuitive Schaffen wurde die Künstlerin, die aus dem Städtchen Staßfurt in Sachsen-Anhalt stammt und jetzt in Hamburg lebt, 2011 mit dem Kunstpreis Kassel ausgezeichnet.

Ein vermeintlich krummer Strich? "Das arbeite ich mit ein", erklärt sie und zieht den Kragen ihres Fleecepullis hoch. Von der Haustür kriecht feuchte Kälte hinein. Und die stand dem Projekt anfangs heftig im Weg. "Das war schon eine ziemliche Slapsticknummer, den Lift zu tapezieren", erzählt Kullenberg. Der Kleister wollte nicht trocknen. Nach mehrfachen Versuchen mussten Heizlüfter und neue Klebemittel herhalten. Doch die Kunst, sie setzte sich durch. Gegen die Realität. Und in ihr.

Kunstlift Sa 7. Januar, 17 bis 22 Uhr, Stresemannstr. 100; www.agentur-fuer-identitaet.de