Esso und das Gängeviertel wollen gute Nachbarn werden

Künstler und Konzern trafen sich zum konstruktiven Gespräch

So viel Zuspruch haben die Künstler des Gängeviertels selten erhalten. Von "lächerlich" über "Aprilscherz" bis zu "engstirnig" lauten die Kommentare zur Kritik des Ölkonzerns Esso am Künstlerquartier in der Neustadt. Auch einige andere Nachbarn empfinden das Künstlerleben eher als Idylle denn als Problem. Esso war am Montag mit den 350 Mitarbeitern der Deutschland-Zentrale in die Büroräume im BrahmsQuartier gegenüber den Künstlerhäusern eingezogen.

Vorher hatte sich der Konzern auf Senatsebene über Brandgefahren, Sicherheitsmängel und Müll beschwert. "Wir haben mit unseren Künstlernachbarn keine Probleme", sagt Georg Hana vom norwegischen Generalkonsulat, das ebenfalls an der Caffamacherreihe liegt. Als Aprilscherz empfindet Nachbar Christian Kuhnt die Esso-Kritik. "Wir wohnen seit drei Jahren mit Kind und Kegel im Gängeviertel, und ich kann Ihnen versichern, dass die Gefahr, die vom Esso-Konzern ausgeht, ungleich größer ist als die, die möglicherweise ein paar Bauwagen darstellen."

Norbert Hackbusch, kulturpolitischer Sprecher der Links-Fraktion, sagt: "Die Sicherheitsbedenken sind nur vorgeschoben, weil da jemand offensichtlich mit bunter, unkommerzieller Kultur nicht umgehen kann." So eine engstirnige Haltung sei für Hamburg, das sich als liberal und weltoffen präsentiere, unangemessen. Der stellvertretende GAL-Landesvorsitzende Anjes Tjarks erklärt: "Der Ölkonzern übertreibt maßlos. Natürlich besteht im Gängeviertel Sanierungsbedarf, das weiß kaum jemand besser als die Künstler, die nach Kräften an der Instandsetzung arbeiten. Sicherlich sind besprühte Fassaden und verrostete Bauwagen nicht jedermanns Sache, aber daraus 'Brandgefahr' abzuleiten ist fast schon lächerlich." Es würde Esso gut zu Gesicht stehen, den Künstlern unvoreingenommen zu begegnen und das Gespräch zu suchen.

Das hat der Ölkonzern gestern getan und sich mit Vertretern der Künstler getroffen. Dabei entschuldigte sich Esso, dass deren Begrüßungsgeschenk nicht angenommen worden war. "Das ist in den Umzugswirren untergegangen", sagt Esso-Sprecherin Gabriele Radtke. Ein Begrüßungsgeschenk von Esso - eine Clematis-Pflanze - wurde übergeben. Das Gespräch sei "konstruktiv" verlaufen. "Wir haben vereinbart, wie gute Nachbarn miteinander zu reden, wenn mal ein Apfel über den Zaun hängt", sagt Gabriele Radtke.

Die Initiative sieht das ähnlich. "Wir haben uns über die Zukunft im Gängeviertel ausgetauscht und sind mit der Philosophie und Denkweise von Esso vertraut gemacht worden. Verwundert haben wir festgestellt, dass keiner von uns die angeblichen Probleme kennt. Man hat das Gefühl, das familiäre Betriebsklima von Esso ist dem des Gängeviertels sehr nah", sagt Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative.