27. Hamburger Motorradgottesdienst

Den lieben Gott auf den Sozius lassen

Foto: Marcelo Hernandez

Rund 30.000 Biker feierten Sonntag den traditionellen Motorradgottesdienst im Michel. Danach ging's für die Biker im Konvoi nach Kaltenkirchen.

Hamburg. "Das muss man erlebt haben. Das geht ins Herz, gibt Kraft." Uwe Oetken, 48, Werner Vehnekamp, 51, und Friedrich Ahrenholtz, 49, waren sich einig: Der Motorrad-Gottesdienst im und am Michel - im Szenenjargon "Mogo" genannt - ist ein Pflichttermin im Biker-Kalender. "Auch wenn wir sonst keine großen Kirchgänger sind", sagten die Freunde aus Westerstede, "ein bisschen Besinnung kann gerade uns auf unseren schnellen Reifen nicht schaden."

Das Kumpel-Trio aus Ostfriesland stand gestern beim Mogo bei Weitem nicht alleine da: Rund 30.000 Motorradfahrer waren mit ihren Maschinen zur Hamburger Hauptkirche in die Neustadt geknattert, nach Veranstalterangaben zwar etwas weniger als erwartet, aber dennoch mehr als im vergangenen Jahr. Diesmal konnte der Mogo wieder mitten im Michel-Innenraum gefeiert werden, der 2009 wegen Renovierungsarbeiten gesperrt gewesen war. Zum bereits 27. Mal fand der Motorrad-Gottesdienst nun statt, wie immer in einer lebendigen Festival-Atmosphäre aus Musik- und Verkaufsbühnen, jüngst unter dem Motto "Hinter der Kurve ..."

+++ Per Bike zum Beten +++

Genau dieses Bild von der Straßenbiegung war es, das Pastor Erich Faehling als zentrales Element in seine Predigt einbaute und nicht nur wörtlich, sondern vor allem auch im übertragenen Sinne verstanden wissen wollte: "Vor der Kurve abbremsen, dann auf der Ideallinie reinfahren und schließlich in der Beschleunigung wieder rausdüsen - so läuft's optimalerweise", sagte Faehling. "Aber weder beim Biken noch im Leben überhaupt läuft alles optimal.

Deshalb müssen wir stets darauf gefasst sein, dass hinter der Kurve etwas Bedrohliches lauern kann. Und wir müssen aufhören, unser etwaiges Scheitern an diesem Bedrohlichen als Heldentum hochzustilisieren." Ein Spruch wie "Biker töten nicht, Biker werden getötet" helfe nicht, ergänzte Faehling, noch niemand sei nach der Klärung einer Schuldfrage wieder lebendig geworden. Sinnvoller sei es, sich am "Vertrauen nach oben" festzuhalten, den lieben Gott in den Sozius zu lassen.

"Der Pastor hat schon recht", fand Uwe Oetken an dieser Stelle, "das Leben ist zu schön, als dass man es auf dem Asphalt liegen lassen sollte - daran gibt's nix zu verklären." Tiefe Eindringlichkeit erfuhr diese Aussage, als Pastor Faehling die Namen verunglückter Motorradfahrer verlas. Andächtige Stille legte sich da über die Helme und Lederkutten, die ansonsten eher freudig hupend auf laut heulenden Motoren hocken. Mancher hatte Tränen in den Augen. "In solchen Momenten", flüsterte Uwe Oetken, "überlegt man sich zweimal, wie viel Gas man das nächste Mal gibt."

Doch bei aller Besinnung, hauptsächlich war der Mogo freilich eines: "eine coole Sache". So wenigstens befand es Marie Beilmann, 59, aus Othmarschen, die schon seit Jahren immer wieder zum Mogo kommt, wegen "der heißen Räder und der flotten Biker". Außerdem sei der Gottesdienst ein "wundervolles Erlebnis": "Das ganze Gesinge, Gejubel und Geklatsche, das macht mir Freude!" Die Verantwortung für diese Ausgelassenheit trug zu einem Großteil die Sängerin Inga Rumpf, die mit ihrer kratzigen Stimme den Bikern schöne Lieder mit auf den Weg gab. Die wichtigste Zeile sang Inga Rumpf wohl am Ende des Gottesdienstes, kurz vor dem großen Start gen Kaltenkirchen: "Und ich weiß genau, denn nur so komm ich an: Ich fahr nie schneller, als mein Schutzengel fliegen kann."

Wer diesen Text beherzigt, dürfte auch 2011 wieder sicher zum Michel-Mogo angerauscht kommen. Eben dieser soll im November durch die Gründung einer Stiftung langfristig finanziell gesichert werden, teilte Pastor Erich Faehling mit. Der Termin für den nächsten Mogo, so Faehling weiter, werde an Weihnachten bekannt gegeben. Für Uwe Oetken und seine Freunde war jetzt schon klar: "Wir werden da sein."