Gott und die Welt

Reformation zwei Punkt null

Ein Altarengel, eine flackernde Kerze auf den Kirchenstufen, lachende Kinder vor der Krippe ... In der Gemeindebriefredaktion suchen wir ein Titelbild für die Weihnachtsausgabe. "Das hatten wir doch alles schon", sagt jemand. "Gibt's nicht mehr als Lichterglanz und heile Welt?"

Da flattert uns ein Foto aus der Jugendgruppe auf den Tisch. "Gott gab uns Verantwortung - Christen, denkt um!" So steht es auf dem Transparent, das die Jugendlichen selbstbewusst in die Kamera halten. Sie haben diskutiert, was nicht gut läuft in der Welt, und wollen, dass wir sehen und hören.

Dieses Transparent für den Weihnachtstitel?

Alle sind spontan dafür. Auch die Friedensgebete in Leipzig, die vor 20 Jahren den Mauerfall mit auslösten, haben als Initiative einer Jugendgruppe begonnen, schießt es mir durch den Kopf. Worte von Christian Führer, dem damaligen Pfarrer der dortigen Nikolaikirche, kommen mir in den Sinn. "Jesus hat sich nie im Tempel versteckt. Er war dort anzutreffen, wo sich die Menschen mit ihrem Leben abquälten. Die Kirche muss hinaus auf die Straße, muss sich einmischen, muss Salz der Erde sein."

Vielleicht müssen wir wieder lernen, uns einzumischen und die Welt nicht denen da oben zu überlassen. Vielleicht müssen wir mutiger eintreten für unsere Sorgen und müssen Einspruch erheben gegen offensichtliches Unrecht, gegen Gier, Eigennutz und Feigheit. Gegen die Flucht vor den großen Problemen der Welt. Das gehört zu den Wurzeln unserer Kirche. Martin Luther war bekanntlich kein Leisetreter. Vor 492 Jahren hat er seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt und todesmutig den Streit mit den Herrschenden riskiert. Die Jugendlichen auf unserem "Weihnachts-Foto" erinnern uns an diese protestantische Tugend.

Was können wir tun? Jedenfalls mehr, als ohnmächtig zu schweigen! Das zeigt etwa der weltweite Aufruf der Kirchen zum Klimagipfel in Kopenhagen ( www.countdowntocopenhagen.de ). Druck von unten, Mut und Engagement vieler können Machtverhältnisse verändern. Wir haben es doch selbst erlebt.

@ pastorin@epiphaniengemeinde.de