Hansestadt stürmt Album-Charts

Hamburg ist die neue deutsche Pop-Hauptstadt

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Vanessa Seifert

Unter den Top 5 sind vier Stars aus der Hansestadt: Tokio Hotel (Bahrenfeld), Scooter (Ottensen), Nena (Rahlstedt) und Bela B. (St. Pauli).

Hamburg. Berlin muss jetzt leisere Töne anschlagen, denn Deutschlands neue Pop-Hauptstadt heißt Hamburg. Die Musik spielt nicht an der Spree, sondern an der Elbe:In den Album-Charts, die Media Control erst am Freitag offiziell veröffentlichen wird, finden sich allein unter den ersten fünf Plätzen vier Hamburger. Gut, die Zwillinge von Tokio Hotel, die mit ihrer Platte „Humanoid“ von null auf eins schossen, sind in Loitsche bei Magdeburg aufgewachsen. Richtig groß geworden sind Bill und Tom Kaulitz mit ihrer Band aber erst, als sie schon im Bahrenfelder Westend-Village wohnten. Und wenn Tokio Hotel von Februar 2010 an durch Europa touren, werden die Jungs eines ihrer ersten Konzerte natürlich in Hamburg geben.

Von null auf Platz zwei eingestiegen ist die Techno-Tanzkapelle Scooter, deren Album „Under The Radar Over The Top“ in Ottensen aufgenommen wurde. Die Truppe um Sänger H.P. Baxxter lebt seit Jahren in der Hansestadt, mehrheitlich in den Walddörfern. „Wir haben nie auch nur darüber nachgedacht, in eine andere Stadt zu gehen“, sagt Scooter-Manager Jens Thele, Chef des hanseatisch benannten Labels Kontor Records. Was in Berlin, wohin 2002 mit den Plattenfirmen Sony Music und Universal Music gleich zwei Schwergewichte der Musikindustrie abgewandert waren, schaue man sich interessiert an, sagt Jens Thele: „Wir in Hamburg arbeiten morgens meist schon wieder, während die Branche in Berlin noch feiert. Meist sich selbst.“

Ebenfalls zu den besten Neueinsteigern der Woche zählt eine ewig jung aussehende Frau aus Rahlstedt: Gabriele Kerner alias Nena. „Made in Germany" heißt ihr neues Album, mit dem sie es gleich auf den dritten Platz der Charts geschafft hat – wobei „Gemacht in Hamburg“ fast noch treffender wäre.

Auch den fünften Platz belegt ein (Wahl)-Hamburger, Ärzte-Sänger Bela B. , der mit Familie auf St. Pauli lebt. Kurz: Es sind allesamt Hamburger, die in dieser Woche die Charts erobert und die „Königin des Pop“, Madonna („Celebration“), vom Thron gestoßen haben – sie stürzte von Platz eins auf Rang acht.

Tokio Hotel verstehen ihr neues Album nach Angaben von Universal Music in Berlin, wo die vier Freunde unter Vertrag sind, eher als „internationale Produktion“. In Los Angeles seien Lieder aufgenommen worden – aber eben auch „in der Nähe von Hamburg“, in einem Studio in der Lüneburger Heide. Die Metropole Hamburg biete nach wie vor ein attraktives Umfeld für Künstler, sagt Uriz von Oertzen, seit knapp 20 Jahren Geschäftsführer der Eventagentur Hi-Life. „Hier gibt es gewachsene Strukturen“, sagt von Oertzen, der schon Feste wie die Echo-Aftershow-Party ausgerichtet und Konzerte von Bushido oder Wir sind Helden veranstaltet hat. „Bei aller Freude über tolle Chart-Platzierungen muss dafür gesorgt werden, dass die Clubszene in Hamburg nicht wegstirbt und die Musikkultur auf St. Pauli bestehen bleibt“, sagt Uriz von Oertzen, der sich als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM) für die Förderung des Standorts Hamburg einsetzt.

Als „erfrischend und bereichernd“ beschreibt Katja Tiefel, stellvertretende Schulleiterin der Hamburg School of Music, das Klima für Künstler in Hamburg. „Musiker, die bei uns in einer zweijährigen Ausbildung zu Profis ausgebildet werden, können auf ein gutes Fundament bauen.“ Zu den Absolventen der in Norddeutschland einzigen anerkannten Berufsfachschule für Popularmusik gehört beispielsweise das Trio Ruben Cossani. Roger Cicero und Inga Rumpf sind Schirmherren an dieser Musik-Schule. „In Hamburg gibt es über Jahrzehnte gereifte Pop-Geschichte“, sagt Stefanie Koch, Sprecherin der Hamburg School of Music. „Das müssen Städte wie Berlin erst mal nachmachen.“

Auch internationale Superstars wie Whitney Houston oder The Prodigy und Franz Ferdinand kommen gern an die Elbe, sagt Frehn Hawel, Sprecher beim Konzertveranstalter Karsten Jahnke und selbst beim Duo „Neat! Neat! Neat!“ musikalisch aktiv. „Als eine der wenigen Städte hat Hamburg erkannt, welchen Wert Musiker haben“, sagt er und nennt beispielhaft den Verein RockCity Hamburg (500 Mitglieder), der in enger Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde Musiker, Verlage, und Clubs berät. Auch das Reeperbahn-Festival, das in diesem Jahr 17.000 Besucher angelockt hat, spreche für den Musikstandort Hamburg. „Wichtig ist aber, dass wir nicht das deutsche Liverpool werden“, sagt Frehn. „Die Stadt, in der zwar viele entdeckt werden, die dann am Ende doch alle in London auftreten wollen. Bezogen auf Deutschland also in Berlin.“

Noch gibt es aber keinen Grund für einen Abgesang: In Branchenkreisen heißt es, dass Rapper Sido derzeit in den Boogie Park Studios in Ottensen sein neues Album aufnimmt. Und woher kommt Sido eigentlich? Aus Berlin, der Ex-Pop-Hauptstadt.

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