Weihnachten: Ein Spaziergang mit den Hirten der beiden großen Kirchen durch St. Georg

"Das Christfest ist zum Geben da"

Bischöfin Maria Jepsen und Erzbischof Werner Thissen über Maßlosigkeit, Nächstenliebe und soziale Spannungen.

Vor Budni bittet eine Bettlerin hockend um milde Gaben; ein paar Meter weiter lässt ein Straßenmusikant den Wunsch nach fröhlicher Weihnacht überall laut werden - gegen klingende Münzen, bitteschön. Zwei finstere Gestalten torkeln schnapsselig in Richtung Hauptbahnhof. "Jingle bells", lallt einer von ihnen. Auf der Langen Reihe bahnen sich Busse den Weg zwischen falsch parkenden Autos. Bremsen quietschen. Menschen schimpfen. Andere eilen. Fahndung nach dem finalen Geschenk, unmittelbar vor Ladenschluss? "Blendwerk" heißt ein Geschäft gegenüber der Danziger Straße. Nomen est omen?

Von wegen stille Nacht. In den Stunden vorm Heiligen Abend tobt auf St. Georg das pralle Leben der Großstadt - in vielen Facetten. In der Rostocker Straße kauert ein Mann im Toreingang, von Drogen benommen, fernab der Welt. Im Cafe Rossa sitzt ein turtelndes Pärchen bei Kerzenschein und Cappuccino. Irgendwie gleichfalls fernab der Welt. Es scheint wundersam zu knistern.

Draußen vor der Tür schlendern zwei Passanten über den Carl-von-Ossietzky-Platz. Sie fallen auf. Nicht, weil es sich um Bischöfin Maria Jepsen und Erzbischof Werner Thissen handelt. Sondern weil sie Ruhe haben, sich Zeit gönnen, langsam gehen, oft stehen bleiben. Innehalten - in jeder Beziehung.

Auf Einladung des Abendblatts machen sich die beiden Oberhirten zum ausgedehnten Bummel durch einen Stadtteil auf, in dem einstmals Aussätzige in Siechenhäusern einquartiert wurden und in dem heutzutage farbige Vielfalt herrscht: Luxus, ein Hauch Schickimicki, Multikulti, Kneipen, Rauschgift, Prostitution. Alltag, Elend, schöner Schein, von allem ein bisschen. Der Heilige Georg als Schutzpatron ist gut gewählt.

"Die Kirche ist mittendrin", sagt Maria Jepsen (63), Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck vor einem Laden der Aids-Hilfe. "Wir müssen den Gestrauchelten helfen, einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden, der für sie gut und besser ist." Sie mag St. Georg besonders. Weil hier die Gegensätze aufeinanderprallen, weil die Menschen schnörkellos sprechen, offen und direkt sind. Vor vier Wochen hielt sie vor Ort in der evangelischen Dreieinigkeitskirche einen Gottesdienst gegen Gewalt an Frauen.

Erzbischof Werner Thissen (70), zuständig für 397 000 Katholiken in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg, biegt in die Baumeisterstraße ein. "St. Georg ist Leben live", sagt er. "Anderswo werden Probleme eher unter der Decke gehalten." Vor der Kik-Filiale werden Decken für 2,99 Euro feilgeboten. "Für Menschen in Not ist der persönliche Kontakt sehr wichtig", meint er. "Sie müssen Wertschätzung spüren." Aus eigener Erfahrung sagt er das. Weil er im Herzen St. Georgs, vis-à-vis des Mariendoms, wohnt und arbeitet. Und weil er sich des Nachts bisweilen aufmacht, vor Ort kirchliche Seelsorge zu praktizieren. Inkognito, als "Bruder Werner".

Und was ist mit der Kälte in der Stadt, kühlem Neben- und nicht sozialem Miteinander? "Oft ist diese Kälte schmerzhaft zu spüren", entgegnet er. Andererseits: Je ärger sie ausgeprägt sei, desto intensiver werde der Wunsch, Nähe und Herzlichkeit zu empfangen. Oder auszuteilen. "Unsere Angebote, aktiv andere zu unterstützen, finden mehr denn je Anklang", berichtet Maria Jepsen. Pfeffersackmentalität? Nein, so beide unisono: Den Hanseaten sei bewusst, dass man sich auch wirtschaftlich die Hand reichen müsse. Das Spendenaufkommen steige eher. "Dennoch muss der Staat verstärkt in die Hufe kommen, um den Rahmen für wirksame Unterstützung zu schaffen", ergänzt die Bischöfin.

Eine Ecke weiter dokumentieren ansehnliche Neubauten die andere Seite St. Georgs. Wer hier einzieht, muss es gut haben. Spekulanten machen prima Geschäfte im Stadtteil. "Ich erwarte ein hartes Jahr 2009", befindet der Erzbischof mit Blick auf die Kontraste. "Zu befürchten ist zunehmender Mangel in der Mittelschicht." Eine verschämte Armut sei der Trend. Wirtschaftlicher Kollaps könne Quittung für Maßlosigkeit sein. Viele hätten Nächstenliebe nicht gelernt. Anlass zur Umkehr?

Die Bischöfin stimmt zu: "Mir fällt auf, dass es unter den Obdachlosen immer mehr Menschen gibt, die aus gehobeneren Schichten stammen - und es sind mehr Frauen darunter." Auch sie befürchtet ein "schweres Jahr". Welches wiederum die Chance eröffne, Tatkraft und anpackenden Optimismus zu fördern. Die Gleichgültigkeit nehme ab.

Weiter zum Hansaplatz. Der Kinderstrich hat sich verzogen, die Drogenszene ebenfalls. Aufgelöst keinesfalls. Rund um Brunnen und Denkmal des Heiligen Ansgar präsentiert sich ein schillerndes Bild. Im Stübchen finden Astra (1,90 Euro) und Korn (1,50) guten Absatz. Nebenan spiegeln Yüzenandas Mini-Kaufhaus, ein Bollywood-Shop, ein Leihhaus, Spielhallen und Erotikläden Vielfalt wider. Aus der Pinte "Windstärke 11" schallte Weihnachtsmusik. Rund um die Uhr wird gezapft; am Heiligen Abend locken Bockwurst mit Kartoffelsalat. Gratis.

Zu der Zeit predigen beide, die Bischöfin und der Erzbischof. Jeweils um 23 Uhr. Sie im Michel, er im Mariendom. Zuvor stehen weitere Gottesdienste, Besuche bei Hilfsorganisationen, Polizei und so weiter an.

Und privat? Das Ehepaar Jepsen bereitet Pasteten vor, wie immer. Wird sich der finnischen Tanne erfreuen, auch Lieder singen. Natürlich. Vielleicht findet sich Muße, ein Pfeifchen zu schmöken. Ansonsten teilt sie die Einstellung ihres Kollegen. "Das Christfest ist für uns nicht zum Auftanken, sondern zum Geben da", sagt Werner Thissen. Zur Stärkung servieren Ordensschwestern gute Kost. Ergibt sich Ruhe, will er zu einem Märchenbuch greifen. Sein stilles Hobby.

Über den Steindamm mit gleißendem Neonlicht, Sexkaschemmen und kobernden Bordsteinschwalben geht es in die Rostocker Straße. Auf einen Pfefferminztee und einen Kaffee in der Schankwirtschaft "Micky Mouse." Auch hier ist alles sehr bodenständig, ungeschminkt. "Einkehr ist wichtig", meint der Erzbischof. So und so. "Das erkennen immer mehr." Die Kellnerin entzündet vier Kerzen des Adventskranzes. Lichterketten blinken, die Musikbox startet, ein künstlicher Weihnachtsmann blickt stumm. Verspielt zwickt ihn der Erzbischof in die Nase. Zum Fest ist alles ein bisschen anders. Gott sei Dank.

Das Gespräch läuft weiter. Über die Probleme draußen, Lösungsansätze, Glauben an das Gute, Gott und die Welt. "Ich freue mich auf den Heiligen Abend", sagt Erzbischof Dr. Werner Thissen. Bischöfin Maria Jepsen stimmt zu. Inbrünstig.

Und plötzlich singt sie: "Lieb' Nachtigall, wach auf!" Und er stimmt ein: "Dem Kindelein auserkoren, heut' geboren ...". Die anderen Gäste lauschen. Erstaunt, dann berührt, schließlich fröhlich. Wunderbar.