Finanzkrise: Im Supermarkt, Hausflur, auf Partys und am Telefon - es scheint, als gäbe es kein anderes Thema mehr

Über Geld spricht man nicht? Von wegen ...

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Der eine kauft sich eine Rolex, der andere sieht seine Mäuse flöten gehen. Und sogar der Wirtschaftsprüfer ist ratlos. Szenen aus der Stadt.

Pausenlos am Rechner Es ist in diesen Tagen sein erster Gang gleich nach dem Frühstück: Klaus W. schaltet den Rechner an und sieht im Internet nach den Aktienkursen. Jeden Morgen um 9.30 Uhr laufen sie aktuell von den Börsen auf den Bildschirm. Der Pensionär ist nervös: Seit der Krise an den Finanzmärkten sieht er seine Altersvorsorge in Gefahr. 80 Prozent seiner Ersparnisse hat W. in Wertpapieren angelegt, bis heute ist ein Viertel davon futsch. Rein rechnerisch. "Natürlich nur theoretisch, es ist ja nur eine Veränderung der Bewertung", sagt W. bedächtig. "Aber ärgerlich ist das schon. Ich hätte früher verkaufen sollen. Jetzt ist es zu spät." Nach dem Mittagsschlaf zieht es W. wieder an den Rechner. Kurz nachsehen, wie die Kurse stehen. Am liebsten würde er auch abends einen Blick ins Internet werfen. "Aber ich darf nicht", sagt W. "Meine Frau sagt, ich soll mich nicht verrückt machen. Daran halte ich mich natürlich. Aber sie geht immer früh schlafen."

Angenommen, aber ... Ein Date in der Bar des Elast-Hotels, Simon-von-Utrecht-Straße. Sie, hübsch und sehr aufgeregt, kann die Augen zuerst nicht von ihm, dann aber genauso wenig von der Getränkekarte lassen. 9,50 Euro soll der Cocktail kosten! Er wiederum legt sich mächtig ins Zeug, ist witzig und charmant, schmeichelt mit Worten und will schließlich ganz der Rendezvous-Etikette gehorchen. "Ich lade dich ein", sagt er großzügig. Ein sanftes Erröten huscht über ihr Gesicht, aber es ist dann tatsächlich ihre Haut, aus der sie nicht kann. "Dankeschön", antwortet sie, "aber wie teuer ist das denn bitte! Unverschämt! Ich meine, weltweit stürzen die Aktienkurse, Banken gehen pleite, Anleger verzweifeln, Staaten stehen vor dem Nichts - und die hier ziehen einem auch noch das Geld aus der Tasche!" Danach: Schweigen. Und dann wieder sie: "Ach, ist ja egal, Prost, auf einen schönen Abend."

Müde Verbraucherschützerin Sie ist sehr müde und geschafft gewesen diese Woche, jeden Abend. Katja Seidel (36) arbeitet bei der Verbraucherschutzzentrale, dort hat sie immer viel mit Menschen zu tun, aber so aufgeregt wie in diesen Tagen sind die selten gewesen. "So viele Anrufer melden sich wegen der Finanzkrise", stöhnt Seidel, "da besitzen ziemlich viele Lehman-Zertifikate, und nicht nur die müssen wir jetzt beraten." Denn viele haben Angst um Vermögen und Altersvorsorge. Seidel braucht gerade bei den etwas älteren Anrufern eine Weile, bis sie weiß, um was es genau geht. Dann stellt sie sie zu den Experten durch, macht persönliche Beratungstermine oder lädt zu Informationsabenden ein. Aber viele muss sie vertrösten - weil das Telefon pausenlos klingelt und alle zeitnahen Termine bereits vergeben sind. Trotz Zusatzangeboten. "Wir haben unser Programm hochgefahren, allen Wünschen entsprechen können wir trotzdem nicht sofort."

Vergiss unseren Fonds Zwei Schulfreunde, beide Anfang 30, die sich sonst meistens über Fußball unterhalten, telefonieren abends miteinander. Statt eines spontanen Wettangebots auf den Ausgang des Länderspiels Deutschland - Russland druckst der eine herum: "Erinnerst du dich noch an den osteuropäischen Fonds, in den wir gemeinsam investiert haben?" Der andere sagt spontan: "Nö!" Das beruhigt den Anrufer: "Gut so, dann mach dich auch gar nicht auf die Suche danach." Nun gerät der Freund doch ins Grübeln: "Wieso?" Die nüchterne Antwort folgt prompt: "Weil ich gerade zufällig mal seine Entwicklung angeschaut habe." Das wirft Fragen auf: "Dramatisch?" Antwort: "Ich werde jedenfalls in den kommenden zwei Jahren nicht mehr nachschauen." Das Telefonat wird nun im Stakkato-Stil geführt. Angerufener: "Super ..." Anrufer: "Was denn?" Angerufener: "Jetzt habe ich den Mist auch im Kopf!" Der Anrufer lacht: "Na, dann geht's dir wenigstens wie mir." Der andere: "Idiot!" Der Anrufer: "Tschüs."

Gewinner der Krise Finanzkrise, Bankenpleite, Börsencrash. Na und? "Das ist genau die richtige Zeit, um in die Zukunft zu blicken", sagt Abendblatt-Leser Werner S. im Gespräch mit dem "Anlageberater des Vertrauens" in der Sparda-Bank-Filiale an der Grindelallee in Hamburg. "Nach schwarzen Mon- bis Freitagen mit Aktienkurven, die steil nach unten zeigen, kommt der Punkt, an dem man überlegen sollte, in Aktien zu investieren. So billig gibt's die doch nie wieder." Sparer Werner S. denkt an die Deutsche Bank. Die kostet nur noch halb so viel wie vor einem Monat. "Aber erst einmal warte ich ab, bis die Kernschmelze an den Börsen zu Ende ist." Und woher kommt das Geld zum Investieren? "Vom Tagesgeldkonto. Da liegt das Pulver zum Kaufen trocken und sicher. Frau Merkel sei Dank. Und die Deutsche Bank lässt sie bestimmt nicht pleite gehen."

Bleibende Werte Gespräch beim Abendbrot: "Ich kaufe mir eine alte Rolex", sagt ein Freund, "ich gehe nur mehr in Sachwerte." 10 000 Euro will er dafür ausgeben. "Alte Uhren, das sind wenigstens bleibende Werte", ist er überzeugt. Dann diskutieren wir darüber, ob man den persönlichen Bankberater anrufen soll oder von dem Elend, das der möglicherweise zu berichten hat, lieber gar nichts wissen will. "Wenn jetzt alle ihr Geld abziehen, dann kommt die Krise ja erst so richtig in Schwung", meint unser Uhrenfreund. Das wollen wir natürlich alle nicht. Und weil abendfüllende Gespräche über die Finanzkrise einem die Laune verderben, plaudern wir lieber über unsere Pläne für die Herbstferien. Wir werden nämlich die Konjunktur ankurbeln, indem wir nach Bayern fahren. Die haben dort ihre eigene Krise, da kann man die Finanzkrise einfach mal ausblenden.

Der Wert des Geldes Neulich in Barmbek-Nord. Sie wollte nur mal eben Brötchen, Fleischsalat und Kaffee für das Wochenende besorgen. Bewaffnet mit 20 Euro und einem Körbchen, zog sie los. Beim Bäcker schnappte sie sich Brötchen für mehrere Freunde und das Abendblatt. Damit ging es in den Edeka-Markt. Und weil dort alles so schön präsentiert und angepriesen war, füllte sich der Korb dann schnell mit Joghurt, Butter, Käse, Wurst, Meeresfrüchten aus dem Tiefkühlfach und natürlich Schokolade für die Seele. Auf dem Weg zur Kasse beobachtete sie, wie die älteren Damen vor ihr mäkelten: "Das ist ja schon wieder teurer geworden!" Peinlich berührt, verglich sie noch einmal den Inhalt ihres Korbes mit dem verbliebenen Bargeld - machte kehrt und legte verschämt dies und das wieder zurück in die Regale. Am Ende lagen nur noch Kaffee, Fleischsalat und eine Knoblauchzehe im Korb. "20 Euro sind auch nicht mehr, was sie mal waren", sagte sie noch.

Früh übt sich Neulich in Niendorf. Die drei kleinen Freundinnen, zwischen fünf und sieben Jahre alt, hocken draußen vor dem Eingang zum Mehrfamilienhaus, vor sich haben sie eine Sammlung bunter Blättchen ausgebreitet. Sie sprechen jeden an, den sie kennen und der gerade den Hausflur betreten will. "Wir machen einen Flohmarkt und haben was Schönes gemalt. Willst du auch was haben?" "Wie viel wollt ihr denn dafür haben?" "Och, so'n Euro vielleicht. Und zwei Bilder für zwei Euro. Und drei für drei Euro." "Sollten drei Bilder dann nicht billiger sein?" "Nein. Wir sammeln für arme Kinder." "Sehr geschäftstüchtig. Aber könnt ihr auch wechseln?" "Ja, aber das nehme ich dann von meinem Taschengeld. Das andere brauchen ja die armen Kinder."

Imageprobleme Der Mann ist Kundenberater bei einer Hamburger Bank. Seit 18 Jahren schon. Er liebt Geld. Und er liebt seinen Job als "finanzieller Seelsorger", wie er sagt. Doch eine Krise wie diese hat er noch nicht erlebt. Eine Krise, die alles verändert. Die Welt und auch ihn selbst. Wenn er am Wochenende auf Partys geht, erwähnt er lieber nicht, wo er arbeitet. "Weil der soziale Status eines Bankers nachhaltiger abgeschmiert ist als manche Aktie." Da werde zwischen Bier und Salzstangen gern mal eine ganze Branche pauschal an den Pranger gestellt. "Das ist so, als würde man alle Ärzte als Kurpfuscher hinstellen." Das kränke ihn. Weil er doch auch leide. Mit seinen Kunden. Seit Tagen geht der Banker morgens eine Stunde früher ins Büro und abends mindestens eine Stunde später als sonst wieder raus. Das Telefon steht einfach nicht mehr still. Und er will doch nur beraten,beruhigen, bestärken. Wie es sein Job ist als "finanzieller Seelsorger".

Das geht vorüber Seit die Finanzmarktkrise sich verschärft hat, gibt es im Bekanntenkreis der Dokumentarfilmerin Gisela Graichen Menschen, die den Keller mit Lebensmitteln auffüllen oder die Geld abheben, um mehr Bargeld als sonst zur Verfügung zu haben. Ein bisschen Vorsorge könne grundsätzlich nicht schaden, findet auch Gisela Graichen. Zwar beobachtet sie, dass ihre Freunde sich momentan mehr Gedanken machen als vorher, aber wirklich in Panik geraten seien sie nicht. Übrigens genauso wie Gisela Graichen selbst: "Ich denke über die Krise nach und schaue sie mir genau an, klar. Aber wenn man, so wie ich, sich seit vielen Jahren mit Archäologie beschäftigt, also, wenn man mit längeren Zeiträumen, Krisen und Katastrophen in der Menschheitsgeschichte zu tun hat, dann weiß man, dass die aktuelle Finanzmarktkrise genauso wie alle anderen vorübergehen wird. Diese Finanzmarktkrise ist nicht der Untergang des Abendlandes."

Virtueller Gesprächskreis Sie haben sich noch nie gesehen. Sie wissen nicht, wie der jeweils andere heißt. Aber sie wissen, was er denkt. Und wie er sein Geld anlegt. Weil sie darüber reden. Manchmal morgens, manchmal abends. Immer im Chat. "Gruselig" sei die Krise, sagt einer, der sich "Daggio" nennt. Vielleicht sei aber jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um eine Immobilie zu kaufen. Vielleicht im sonnigen Florida, wo die Millionen-Villen verschleudert werden? "Ganz-unten" schreibt, er wolle seine paar Mäuse lieber wieder in den Sparstrumpf stecken. Keine Lösung, findet "Kaaos". "Wenn jeder sein Konto plündert, dann gehen die Banken erst recht vor die Hunde." Nein, meint "Vampir". Doch, sagt "Truther32". Es gibt noch viel zu reden. Von morgens bis abends im Chat.

Ratlos in Hamburg Es gibt nicht viele Wirtschaftsprüfer in Deutschland. Dieser Hamburger, ja Hanseat, wollte unbedingt anonym bleiben. Er ist ein Spezialist für ökonomische Zusammenhänge im Kleinen und im Großen. In diesen Tagen der weltweiten Finanzkrise ist er ratlos. Beruflich wie privat: "Ich weiß überhaupt nicht, ob ich nun selbst mein kleines Bankdepot schnell verkaufen, jetzt zukaufen oder nichts tun soll." Unfassbare, persönliche Worte aus dem Munde eines Experten. "Ich habe für mich entschieden, nichts zu tun." Dann hätte er ja auch Beamter werden können, warf sein Gesprächspartner ein, und nicht ein Ökonom, der Risiken schätzt, prüft, bewertet, handelt. Er hat eine bewundernswerte Gelassenheit und hält es mit dem Aktien-Pfiffikus Andre Kostolany, der einst sinngemäß sagte: "Wenn du Aktien kaufst, schluck Schlaftabletten, wach nach ein paar Jahren auf und freu dich über den Gewinn." Das Problem: Im Internet kursieren bereits ganze Seiten darüber, wo Kostolany irrte.

Thomas Andre, Vanessa Seifert, Alexandra Grossmann, Hans Wacker, Christian Pletz, Christian-A. Thiel, Manuella Barbosa, Lucia Weiß, Ulla Reinhard, Elisabeth Jessen und Christoph Rybarczyk

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