Sprengstoffanschlag: Die beiden 19-Jährigen wollten beim Rellinger Apfelfest eine Bombe Zünden

"In einem geschlossenen Raum hätte keiner überlebt"

Täter sitzen jetzt in Untersuchungshaft. Es gibt keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund. Womöglich handelten sie "aus Frust".

Die Sprengkraft der Bombe, die am Sonnabend auf dem Rellinger Apfelfest detonieren sollte: Sie hätte ausgereicht, um womöglich Dutzende Menschen zu verletzen oder sogar zu töten. "Wäre der Sprengstoff in einem geschlossenen Raum gezündet worden, hätte keiner überlebt" - so drastisch drückte sich ein Ermittler gestern aus. Die 19-Jährigen hatten laut Polizei alle Bausteine für ihren Sprengstoff beisammen - darunter nach Abendblatt-Information auch das so gefährliche Acetonperoxid : "Sie mussten das Puzzle nur noch zusammensetzen", heißt es aus Ermittlerkreisen. Die hochgefährlichen Substanzen lagerten im Kinderzimmer, in dem Andre M. noch bei seinen Eltern wohnte.

Ein Haftrichter hat gestern am späten Nachmittag nach einer dreistündigen Anhörung Haftbefehl wegen Fluchtgefahr gegen den 19-Jährigen aus Rellingen und seinen gleichaltrigen Komplizen Kevin W. aus Ellerbek erlassen. Die Polizei ermittelt jetzt unter anderem wegen geplanten Mordes. Die beiden Heranwachsenden waren am Dienstag von einem Spezialeinsatzkommando festgenommen worden (wir berichteten). Die Polizei hatte von der geplanten Tat erfahren, als die 19-Jährigen vor Freunden damit geprahlt hatten. Eine Tat, so wird jetzt immer deutlicher, von zwei frustrierten jungen Männern mit wahrscheinlich verheerenden Auswirkungen.

Dementsprechend groß war die Erleichterung - auch bei verantwortlichen Politikern: "Ich bin stolz auf unsere Polizei, die eine wirklich schlimme Straftat verhindert hat", sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU). Sein Noch-Innenminister Ralf Stegner (SPD) sprach gegenüber dem Abendblatt von einer "großen Bedrohung" und kündigte an, dass die Polizei allen Hinweisen nachgehen wird - auch dem, dass die Tatverdächtigen dem rechtsextremen Spektrum angehören: "Die Ermittlungen werden konsequent weitergeführt."

Bislang allerdings haben Polizei und Staatsanwaltschaft keine Hinweise darauf, dass der geplante Anschlag einen politischen oder fremdenfeindlichen Hintergrund hatte. Doch genau das ist auch, was die Ermittler beunruhigt: "Da haben zwei offensichtlich nur aus Frust versucht, sich eine Bombe zu basteln", fasst ein Beamter zusammen.

Andre M. und Kevin W. gehörten einer Clique an, die in Rellingen berüchtigt war. Besonders Andre M., der als Anführer gilt, ist seit Langem polizeibekannt, obwohl er eigentlich aus einem intakten Elternhaus stammt, wie es heißt: So stand er unter Bewährung, weil er einen Mitschüler monatelang mit Mord gedroht und mehrmals brutal zusammengeschlagen hatte. Die neunmonatige Bewährungsstrafe wurde erhöht, nachdem Andre M. im Frühjahr auf der Homepage der Gemeinde Rellingen eine detaillierte Anleitung zum Bombenbau veröffentlichte. "Eigentlich ein intelligenter Junge", sagt Manfred Lindemann, Rektor der Hauptschule im Schulzentrum Egenbüttel. Vor mehr als fünf Jahren verließ sein Schüler die Schule jedoch ohne Abschluss, ist seitdem arbeitslos - so wie auch Kevin W. Der Ellerbeker gilt als verhaltensauffällig und wurde bereits lange psychiatrisch behandelt. Der 19-Jährige ist Halbwaise, lebte zuletzt in einer Obdachlosenunterkunft. Die Polizei ist zudem sicher, dass die 19-Jährigen für zwei Serien von Reifenstechereien mit mehr als 170 Taten und auch für drei Anschläge mit Buttersäure verantwortlich sind - mit Sachschäden von insgesamt mehr als 30 000 Euro. Die Wirkung ihres Sprengstoffs hatten die Jugendlichen wohl im Juli getestet - als sie einen Zigarettenautomaten in die Luft jagten.