Mord? Prozess nach 22 Jahren

"In den Nächten kommen die Erinnerungen"

Willi Z. (60) gibt zu, die Prostituierte Blanca A. 1985 mit 28 Messerstichen getötet zu haben.

Jahrelang lebte Willi Z. (60) ein bürgerliches Leben, mit Frau und Kindern - ein Drogist, der am 27. November 1985 an der Hartungstraße die Prostituierte Blanca A. (36) mit 28 Messerstichen getötet hatte. Keine Regung ist im Gesicht des Angeklagten, als die Vorwürfe verlesen werden. Viele würden sich sicher fragen, wie man mit so einer Schuld so lange leben könne, schreibt er in einer Erklärung, die einer seiner beiden Verteidiger vorträgt: "Ich weiß es auch nicht. Die Geschehnisse beschäftigen mich bis heute. In den Nächten kommen die Erinnerungen immer wieder."

Erinnerungen an eine Dreiecksbeziehung, die die Verteidigung in der vorformulierten Erklärung ihres Mandanten vorträgt: Willi Z. war damals verheiratet, das erste Kind Oliver war gerade geboren. Seine Frau aus der Dominikanischen Republik habe ihm die Liebe verweigert, er habe sich auf eine Kontaktanzeige hin mit Blanca A. getroffen. Als "Margarita Engel" offerierte sie ihre Liebesdienste in einem Apartment im Stadtteil Rotherbaum. Es sei später eine sehr intensive Beziehung geworden. Man sei auch gemeinsam essen gegangen. "Die Chemie stimmte bei uns." Der Angeklagte, so klingt durch, sei hin- und hergerissen gewesen zwischen den beiden Welten. Auf der einen Seite die Familie, sein Kind Oliver ("Oliver war die Nummer eins in meinem Leben"), auf der anderen Seite die Peruanerin, "ein paar unbeschwerte Stunden, reizvoll, geheimnisvoll, einfach schön".

Am Tattag dann die Eskalation: Leicht bekleidet habe Blanca ihn empfangen. "Sie hat mich auf sehr angenehme Weise verführt." Dann habe sie ihm eröffnet, dass sie mit ihm zusammenleben wolle. Er habe gesagt, er könne das nicht, weil er bei einer Scheidung das Sorgerecht verlieren würde. Die Frau mit dem lateinamerikanischen Temperament habe einen Wutausbruch bekommen - und gedroht, seiner Frau von ihr zu erzählen: "Dann zerstöre ich dein Leben, und du wirst deinen Sohn verlieren", habe sie gesagt. "Da bin ich ausgerastet", sagt Willi Z. Er beschreibt, wie er mit dem Messer wahllos zustach, überall Blut war. "Das Geräusch höre ich noch heute." Bei den Ermittlungen wurde er 1985 vernommen - als Zeuge. Wie er die Vernehmung überstanden habe, ohne sich verdächtig zu machen, "weiß ich bis heute nicht".

1987 wanderte er aus. Lebte mit seiner Frau und seinem Sohn für einige Zeit in der Karibik. Als die dort einflussreiche Familie der Ehefrau angeblich seine dort geborene Tochter für 10 000 Dollar in die USA verkaufen wollte, sei er mit beiden Kindern nach Deutschland geflüchtet. Jahrelang lebte Willi Z. unbehelligt in Bayern, mit einer neuen Partnerin. In einem 1000-Einwohner-Dorf. Hegte seinen Garten, lebte unauffällig. Bis er Anfang Januar 2007 festgenommen wurde. Mit einer nachträglichen DNA-Analyse von Tatortspuren war die Polizei auf seine Spur gekommen. "Das Geschehene ungeschehen zu machen ist mein Wunsch", sagt er. Seine Anwälte wollen statt "Mord" auf "Totschlag" hinaus - dann könnte die Tat bereits verjährt sein. Dann würde Willi Z. freikommen. Der Angeklagte selbst mag Fragen nicht beantworten. So eine schriftliche Erklärung werfe aber Fragen auf, sagt der Vorsitzende. Es sei wie bei einem "Maßanzug und einem Anzug von der Stange." Das Gericht müsse sich diesen anziehen - und er müsse passen. Der Prozess wird fortgesetzt.