Prozess: Graffiti-Schmierer erneut vor Gericht

Die unendliche Geschichte von "Oz"

Nur einen Monat nach Haftentlassung soll der 57-Jährige wieder zugeschlagen haben. Die kriminelle Karriere des Hamburgers führt die Justiz an Grenzen.

"Nee", sagt der hagere Mann trocken, er heiße "Josef Walter", nicht Walter Josef F., wie es vor dem Gerichtssaal auf der Terminrolle zu lesen ist. Besser bekannt ist der 57-Jährige als "Oz", als Hamburgs ältester und berüchtigster Graffiti-Schmierer. In illegalen Sprüh- und Spray-Aktionen, vor allem mit dem Schriftzug "Oz", verschandelte er 15 Jahre lang die Stadt, richtete so Millionen-Schäden an. Zuletzt verbüßte er eine dreijährige Haftstrafe dafür.

Nun ist er wieder wegen Sachbeschädigung vor Gericht: In fünf Fällen soll der Alt-Graffiti-Sprayer am 13. und am 23. November 2006 in Barmbek Glasscheiben einer Bankfiliale, einer Telefonzelle und eines Fahrstuhls zerkratzt haben. Zudem, so die Anklage, habe er eine Hauswand mit den Buchstaben "BLP" verunstaltet sowie auf einem Zigarettenautomaten Buchstaben und ein sternförmiges Gebilde eingeritzt - nur einen Monat, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war.

"Ich weise die Anklagevorwürfe zurück", sagt sein Verteidiger Andreas Beuth im Namen seines Mandanten, der ruhig zuhört. Als ein Pressefotograf später den Angeklagten fotografiert, macht "Oz" eine große Szene, wirft sich zu Boden und jammert lauthals.

Sein Verteidiger kämpft: Beim Geldinstitut, wo der Angeklagte eine Scheibe zerkratzt haben soll, sei dieser nur zufällig vorbeigekommen. Und: In jener Telefonzelle habe Josef Walter F. nur telefonieren wollen. Beim Zigarettenautomaten will sein Mandant "nur einige Buchstaben mit dem Fingernagel nachgezeichnet" haben. Kurz: Sein Mandant sei unschuldig.

Bei den ersten Polizeizeugen, die als Zivilfahnder "Oz" am 13. November 2006 im Einkaufszentrum Hamburger Straße beobachteten, klingt die Sache ein wenig anders: Herr F. habe sich dort vor einem Geldinstitut mit seiner Stirn auffällig und ungewöhnlich an eine Frontscheibe gelehnt, mit einer Hand "Wischbewegungen gemacht", erinnert ein Zivilfahnder - gleich darauf fand der Polizist exakt dort "in der Scheibe Kratzspuren, wo ich ihn gesehen habe, deutlich zu sehen". Doch: Ob er denn dort vorher auch Kratzer gesehen habe, hakt der Verteidiger geschickt nach. Der Zeuge verneint dies fröhlich: "Ich renn doch nicht durch das Einkaufszentrum und gucke, wo Kratzer sind."

Eine andere Zivilfahnderin, die den Angeklagten mit elf Kollegen am 23. November in Barmbek observierte, erinnert, dass er an einem Zigarettenautomaten stand, Handbewegungen machte - danach seien an dem zuvor an jener Stelle unversehrten Automaten Buchstaben eingeritzt gewesen. Aber: Ein "Ritzen" habe sie nicht beobachtet. Die Beweislage dürfte schwierig sein, wie schon früher mal.

Das Phänomen "Oz", wer ist der Mann? Ein Gärtnerlehrling, der seine Ausbildung abgebrochen hat, der Anfang der 70er-Jahre nach Asien trampte, in der Anarchistenrepublik "Freistaat Christiania" in Kopenhagen leben wollte - er blieb in Hamburg. Rund 120 000 Zeichen soll Josef Walter F.gemacht haben: an Hauswänden, Postkästen, Bahnanlagen. Gefängnistrafen, Freiheit, Rückfälle. Sinnlose Zerstörungswut. "Oz" gilt als psychisch auffällig, bisher aber als voll schuldfähig. So gibt es für eine Einweisung in die Psychiatrie rechtlich keine Handhabe; auch nicht für eine Sicherungsverwahrung, weil der Spray-Opa wohl keinen Hang zu "erheblichen Straftaten" hat. Im Fall "Oz" stößt die Justiz an Grenzen. Der Prozess wird fortgesetzt.