Anfangs hat er Probleme gehabt. Wenn morgens um fünf jemand reinkam und schrie: "Aufstehen, aber zack, zack". Für den Soldaten Sven Ehret (22) war das eine gewaltige Umstellung: "Früh hoch, das ist man als Arbeitsloser ja nicht wirklich gewohnt." Doch jetzt, fünf Wochen später, ist der Langenhorner froh über seine Entscheidung. Er hat sein Leben in Arbeitslosigkeit getauscht mit einem Job bei der Bundeswehr. Ehret ist nicht der Einzige. Von 328 Hamburgern die Anfang Januar ihren Dienst antraten, waren 107 zuvor arbeitslos. Sie meldeten sich freiwillig, sehen die Bundeswehr als Sprungbrett, das sie aus der eigenen Misere herauskatapultiert. Und dabei noch Spaß macht, wie Sven Ehret sagt.
Mit 132 Kameraden absolviert der gelernte Fahrzeuglackierer die nächsten zwei Monate in der Kellinghusener Liliencron-Kaserne die Grundausbildung. Mitten in der schleswig-holsteinischen Provinz lernen die Kanoniere des Panzerartilleriebattaillons 515, wie eine Waffe zusammengebaut und benutzt wird - bis sie es buchstäblich blind können. Sie wollen das Unternehmen Bundeswehr, die junge Generation deutscher Soldaten sein. Gebraucht werden Fachleute, mit Hirn und Muskeln. Menschen, die sich für lange Zeit verpflichten - damit sich die Ausbildung auch für die Bundeswehr lohnt. Um an Nachwuchs zu gelangen, verfeuerte die Bundeswehr jahrelang viel Geld - unter anderem mit Werbefilmen wie "Bundeswehr - eine starke Truppe". "Wir haben Fehler gemacht", räumt Christian Louven (39) vom Zentrum für Nachwuchsgewinnung Nord ein. Doch mit der Arbeitslosigkeit kamen immer mehr junge Menschen, die sich freiwillig meldeten. Die Bundeswehr profitiere von der schlechten Wirtschaftslage. "Und das nutzen wir auch aus", gibt Louven zu.
Der Oberleutnant hat genug zu tun, das frühere Werbebild der Bundeswehr zu demontieren. Louven gehört zu den Köpfen, die vor fünf Jahren das Attraktivitätsprogramm entworfen haben. 2006 hielt er 168 Vorträge an Schulen. Er erzählt von den 100 Berufsausbildungen, die bei der Bundeswehr angeboten werden - mit einer Ausbildungsvergütung von 1300 Euro netto. Dafür bleiben die jungen Männer und Frauen mehrere Jahre beim Bund. Wer sich zwölf Jahre verpflichtet, kann - sofern er einen Handwerksberuf ausübt - seinen Meister machen. Die Bundeswehr bezahlt alle Fortbildungen. Und wer nach zwölf Jahren Militärzeit in der Wirtschaft arbeiten will, bekommt noch drei Jahre lang zwischen 12 000 und 16 000 Euro jährlich als Abfindung.
"Die Bundeswehr braucht junge, qualifizierte Kräfte. Deswegen bieten wir Ausbildungsplätze und berufsfördernde Maßnahmen an. Dabei verhält sich die Bundeswehr wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen auch. Der einzige Unterschied: Hier werden Waffen getragen und im Notfall auch genutzt. Das muss den jungen Soldaten immer wieder gesagt werden", sagt der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (SPD).
Kritiker der Bundeswehr höhnen, dass die vielen Zahlungen aus der Bundeswehr ein Söldnerheer machen würden. Gudrun Köncke (GAL), Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik: "Wir betrachten die Entwicklung sehr kritisch. Es kann nicht sein, dass junge Menschen andere Menschen im Ernstfall erschießen müssen, um eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz zu bekommen. Zudem stellt sich die Frage, mit welcher Motivation jemand freiwillig Soldat wird. Auch die Bundeswehr kann es nicht gutheißen, wenn ein junger Mensch nur zu ihr kommt, um Arbeit zu haben."
Louven weist die Kritik zurück: "Gute Arbeit wird gut bezahlt - bei uns und in der Wirtschaft." Der größte Befürworter seines Attraktivitätsprogramms ist eine Statistik: 67 Prozent der Unteroffiziere haben die Realschule und eine Berufsausbildung abgeschlossen. Die übrigen 33 Prozent sind Hauptschüler und Abiturienten. 26 Studiengänge an Bundeswehr- und zivilen Universitäten stehen zur Auswahl. BAföG ist ein Fremdwort: Unabhängig von der Uni, erhalten die Studierenden vom ersten Semester bis zum Examen zwischen 1400 und 1600 Euro netto. Aber auch das hat einen Haken: In erster Linie sind der Student, die Krankenschwester und der Fahrzeuglackierer Soldaten. Und das bedeutet Auslandseinsatz, mindestens vier Monate in Afghanistan, im Kosovo oder vor der libanesischen Küste. "Kommt es zu extremen Kampfhandlungen, muss jeder zur Waffe greifen, auch die Krankenschwester", so Louven. "Das soll sich jeder vor Augen halten, bevor er sich bei uns bewirbt."
Sven Ehret schreckt das nicht. Er sieht seine Auslandseinsätze als Karriere-Chance. "In der Wirtschaft hätte ich mich nur noch selbstständig machen können", sagt er. "Und das ist bei der Konkurrenz sehr schwierig." Sein Kamerad Marcus Gase (21) aus Osdorf hat auch genug vom "Haifischbecken da draußen". Nach seinem Realschulabschluss machte er eine Banklehre und wurde übernommen - bis sein Arbeitgeber ihm nach einer Fusion kündigte. Sechs Monate war er arbeitslos. "Freunde sagten, dass ich mich bei der Bundeswehr bewerben soll", so Gase. Sobald er die Grundausbildung beendet hat, ist ihm jetzt ein Job in der Verwaltung so gut wie sicher.
Mit den Kameraden versteht er sich gut. Letztens sei einer beim Laufen fast umgekippt. Andere hätten ihn gestützt, den Rucksack getragen. "Wo gibt es so was noch in der freien Wirtschaft?", fragt Gase. "Anderen helfen dürfen, ohne Angst um den eigenen Job zu haben - mir gefällt das."
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