Ermittlungen: Bekennerschreiben nach Attacke vor dem Haus von Thomas Mirow

Anschlag: Es waren G-8-Gegner

Sicherheitsexperten der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts sprechen von wirren Ansichten, aber in sich sei das Papier stimmig.

Das Papier ist drei Seiten lang, eng mit Schreibmaschine beschrieben und "von wirren Ansichten getragen, aber in sich stimmig", wie Sicherheitsexperten sagen: Einen Tag nach dem Brandanschlag vor dem Haus von Finanz-Staatssekretär Thomas Mirow (SPD) in Winterhude ist gestern ein sogenanntes Bekennerschreiben aufgetaucht. Das dreiseitige Dokument liegt der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts (LKA) vor und wird dort ausgewertet.

Hintergrund der Tat ist demnach der Protest erneut gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm im Sommer kommenden Jahres. Das Schreiben ging am Morgen bei der "Hamburger Morgenpost" ein. Eine "AG Kolonialismus und Krieg" fordert darin unter anderem "Zahlung von Entschädigung für die Verbrechen des Kolonialismus" und "bedingungslose Streichung aller Schulden aller Länder des Südens". Der 53 jahre alte Staatssekretär im Bundesfinanzministerium sei Opfer des Anschlags geworden, weil er "an mehreren strategischen Schalthebeln der Macht" sitze: "Wir haben Mirow einen Weihnachtsbesuch abgestattet und eine militante Bescherung bereitet", heißt es.

Ein Experte bezeichnete gegenüber dem Abendblatt das Schreiben als "schlüssiger als zuletzt bei anderen Taten." Wie berichtet, war im April das Auto von HWWI-Chef Thomas Straubhaar angezündet worden, die bis dahin unbekannte "fight 4 revolution crews" hatte sich dazu bekannt. Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) wurde im April 2004 Opfer eines Farbanschlags auf sein Privathaus - laut Bekennerschreiben die Tat einer Gruppe, die sich "revolutionäres Warm-up" nannte.

Im Fall Mirow hatten die Täter am zweiten Weihnachtsfeiertag gegen drei Uhr früh das Auto der Ehefrau angezündet. Wegen der großen Hitze wurden Fenster und Teile der Fassade des Wohnhauses in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem warfen die Unbekannten Farbbeutel gegen das Haus, in dem der Politiker mit seiner Frau und den 16 und 22 Jahre alten Töchtern lebt. Der Mini Cooper brannte aus, verletzt wurde niemand. Der 53-Jährige und seine Familie waren zum Zeitpunkt des Anschlags in Berchtesgaden. Offen blieb, warum der Mini während des Urlaubs nicht in der Garage, sondern vor dem Haus geparkt war. Fragen nach möglicherweise lückenhafter Bewachung des Familiendomizils am Stadtpark blockte das für den Schutz von Mitgliedern der Bundesregierung zuständige Bundeskriminalamt (BKA) gestern ab: "Wir äußern uns dazu grundsätzlich nicht", sagte ein Sprecher. Stellvertretend für die SPD-Bürgerschaftsfraktion forderte deren Vorsitzender Michael Neumann gestern die "riesige Mehrheit der friedlichen Globalisierungskritiker" auf, sich eindeutig von derartigen Gewalttaten zu distanzieren. Neumann bezeichnete den Anschlag als "bemerkenswertes Beispiel für Feigheit", bei dem ihn "ihre möglichen Motive nicht interessierten. Ich hoffe, dass diese Feiglinge endlich einmal gefasst werden", sagte Neumann.

Der Anschlag vor dem Privathaus von Mirow - für die Polizei ist er bereits die 37. Straftat, die militanten Gegnern des Treffens zuzuordnen wäre, so die bereits jetzt für den Gipfel eingerichteten Polizeitruppe "Kavala". 13 dieser Taten waren erfolgreiche oder versuchte Brandanschläge. Wohl auch deshalb zeigt sich selbst BKA-Präsident Jörg Ziercke jetzt "besorgt": "Bei diesen Brandanschlägen wurde in Kauf genommen, dass auch Personen zu Schaden kommen."