S-Bahn-Schubser in die Türkei abgeschoben

Reeperbahn: Eineinhalb Jahre nach der schrecklichen Tat. Ugur I. flog von Fuhlsbüttel aus in Begleitung der Bundespolizei nach Istanbul. Nach Deutschland darf der 20jährige nicht wieder zurückkehren.

Im Morgengrauen holten ihn Vollzugsbeamte in Hahnöfersand mit einem Kleinbus ab. Auf direktem Wege ging es nach Fuhlsbüttel: Um kurz nach 11 Uhr wurde Ugur I. in eine Maschine der Turkish Airlines nach Istanbul gesetzt. Der 20jährige, der als "S-Bahn-Schubser" eine junge Frau an der Reeperbahn vor eine anfahrende Bahn gestoßen hatte, wurde gestern in seine Heimat abgeschoben - begleitet von zwei Beamten der Bundespolizei.

Ugur I. war im September 2004 vom Landgericht zu zweieinhalb Jahren Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags veurteilt worden. Da die Zeit der U-Haft mit angerechnet wurde, näherte sich jetzt der Zeitpunkt, zu dem er zwei Drittel der Haft verbüßt hätte - und bei guter Führung vorzeitig hätte entlassen werden können. Dem ist die Innenbehörde jetzt mit der Abschiebung zuvorgekommen.

Innensenator Udo Nagel (parteilos): "Wir werden wie in diesem Fall auch in Zukunft unsere konsequente Linie fortsetzen und Straftäter ohne Wenn und Aber zurückführen. Wer das Gastrecht mißbraucht und Straftaten begeht, hat in Hamburg und in Deutschland nichts zu suchen." Sollte Ugur I. illegal nach Deutschland zurückkehren, droht ihm nicht nur die erneute Abschiebung - dann muß er vorher noch den Rest der Haftstrafe absitzen.

Die Tat des Türken hatte im Mai 2004 für großes Entsetzen gesorgt: Es hätte nicht viel gefehlt, und die 21jährige hätte ihr Leben gelassen zwischen den Gleisen im Tunnel an der Haltestelle Reeperbahn. Ohne erkennbaren Grund hatte der Hauptschüler Ugur I. der Frau einen kräftigen Stoß versetzt - aus Wut und Frustration über einen vorhergehenden Steit mit Freunden und S-Bahn-Fahrgästen. Die 21jährige hätte von der anfahrenden Bahn überrollt werden können - hätte nicht ihre Cousine beherzt eingegriffen und die junge Frau schnell weggezogen. Der Türke hatte zur Tatzeit 2,26 Promille.

Die Überwachungskamera am Bahnhof hatte alles aufgezeichnet, die Polizei nach der Tat mit den schockierenden Bildern nach dem Täter gefahndet. Ugur I. hielt den Druck nicht aus, stellte sich der Polizei. Nach dem S-Bahn-Stoß hatte Ugur I. noch zwei Frauen geschlagen. Dann war er verschwunden und ging unter falschem Namen in eine Klinik, weil er selbst auch verletzt war. Dort wurden die 2,26 Promille gemessen.

Der S-Bahn-Schubser hatte einen falschen Namen angegeben, weil er seit mehr als einem Jahr illegal in Hamburg lebte. 1996 war er aus der Türkei gekommen, 2003 hätte der Schüler, der im Regierungsbezirk Weser-Ems lebte, ausreisen müssen. Doch er tauchte in der Hansestadt unter. Er fiel nicht auf - bis zum 2. Mai 2004, als bei ihm alle Sicherungen durchbrannten. Eigentlich galt er sonst bei Konflikten als grundsätzlich friedfertig, aber an diesem Abend nicht. Er hatte Fahrgäste angepöbelt, war aggressiv und, nach Ansicht des Gerichts, war seine Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert.

Ende Oktober hatte die Innenbehörde bereits seine Abschiebung beantragt, "möglichst noch in diesem Jahr" - das, so heißt es, sei der ausdrückliche Wunsch des Innensenators gewesen. Am 14. November erließ das Amtsgericht den Rückführungsbeschluß für Ugur I.

Trotz allem hat es Ugur I. dann am Ende doch noch geschafft, länger als vorgesehen in Hamburg zu bleiben. Allerdings nur für eine halbe Stunde. Die Maschine der Turkish Airlines hätte eigentlich um 11.35 Uhr Richtung Istanbul starten sollen. Doch sie hatte Verspätung. Erst um 12 Uhr flog sie schließlich in Fuhlsbüttel ab. In Istanbul übergaben die Bundespolizisten den S-Bahn-Schubser den türkischen Einreisebehörden.