Jede dritte Geburt - Kaiserschnitt

Trend: Verdopplung der Eingriffe innerhalb von sechs Jahren. Kostenlawine für die Kassen. Mediziner für gesetzliche Regelung.

Dr. Monika Vetter wusste auf die Minute genau, wann ihre Tochter zur Welt kommen würde. Sie kannte den Arzt, der das Kind mit einem Kaiserschnitt holen sollte, und hatte die Anästhesistin selbst ausgesucht. Die damals 36 Jahre alte Gynäkologin aus der Abteilung Pränatale Diagnostik im AK Barmbek überließ nichts dem Zufall. "Der Kaiserschnitt ist ein Garantieschein für eine nahezu risikolose Geburt", sagt Vetter heute, drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter.

Viele Frauen handeln deshalb wie Vetter und entscheiden sich für einen Kaiserschnitt, statt ihr Kind normal auf die Welt zu bringen. Im vergangenen Jahr waren von 8660 Geburten in den Krankenhäusern des LBK 30,3 Prozent Kaiserschnitte. 1997 betrug die Rate bei 10 145 Geburten noch 14,5 Prozent.

Für die Krankenkassen bedeutet das ein wachsendes finanzielles Aufkommen: Ein geplanter Kaiserschnitt kostet rund 3000 Euro, eine Normalgeburt, die ohne Komplikationen verläuft, dagegen nur etwa 1400 Euro. "Wir stehen vor einem Riesenproblem", sagt Jörg Bodanowitz, Sprecher der DAK. "Ein Wunschkaiserschnitt ist eigentlich ein Verstoß der Krankenhäuser und wird von uns nicht bezahlt. Wir können aber gar nicht überprüfen, ob der Kaiserschnitt notwendig war oder nicht."

Dr. Thomas Gent, Vorsitzender des Hamburger Gynäkologenverbandes, sieht die jüngste Entwicklung ebenfalls skeptisch: "Die Frage ist, ob die Solidargemeinschaft das zahlen kann. Ich würde mir eine Lösung vom Gesetzgeber wünschen", sagt Gent. Für denkbar hält er ein Modell, nach dem Patientinnen einen Behandlungsplan für die anstehende Geburt bei der Kasse vorlegen müssen. Darin würde der geplante Kaiserschnitt begründet. Im Falle eines medizinisch nicht notwendigen Wunschkaiserschnittes müsste die Frau den Eingriff selbst bezahlen. Die Gründe für den Trend zum Kaiserschnitt, der aus den USA zu uns schwappt, sind vielfältig: "Frauen, die eine schwierige natürliche Geburt hatten, leiden im Alter zum Beispiel eher an Harninkontinenz", sagt Gent. "Vom Kaiserschnitt bleibt den Frauen nur eine kleine Narbe, etwa acht Zentimeter lang."

Doch auch gesellschaftliche Ansprüche verstärken den Trend: "Der Anspruch, ein perfektes Kind mit einem perfekten Geburtserlebnis zu bekommen", sagt Dr. Michael Scheele, Leiter der Geburtsstation im Klinikum Nord. Prominente wie Verona Feldbusch und Claudia Schiffer machen es in den deutschen Medien vor: Der Kaiserschnitt als stressfreie Alternative, der inklusive Nähen etwa 20 Minuten dauert. Die Frau braucht nicht einmal eine Vollnarkose. Mit einer so genannten regionalen Betäubung im Rücken ist sie die ganze Zeit wach, kann das Kind sofort in den Arm nehmen. Die anstrengende, oft bis zu 20 Stunden dauernde normale Geburt erscheint dagegen wie ein schmerzhaftes Martyrium. "Trotzdem ist der Kaiserschnitt eine Operation mit deren Risiken", warnt Scheele.

Viele seiner Kollegen in anderen Krankenhäusern sehen das anders. Gerade die rechtliche Situation für Geburtshelfer verstärkt den Trend zum Kaiserschnitt noch. Dessen Risiken sind für einen Arzt weitaus geringer als bei einer Normalgeburt. Denn trägt das Kind bei einer Geburt bleibende Schäden davon, können die Eltern den Arzt auf lebenslange Zahlungen verklagen. Beim geplanten Kaiserschnitt geht er auf Nummer sicher. "Für Kliniken sind geplante Kaiserschnitte auch wesentlich besser zu kalkulieren. Die Geburtsstation kann vorher die Uhrzeiten genau festlegen", sagt Monika Vetter aus ihrer Erfahrung als Gynäkologin.

Trotzdem will sie nicht jeder Frau einen Kaiserschnitt empfehlen. Sie selbst entschied sich dafür, weil sich ihr Kind in der Steißlage befand und sie möglichst jedes Risiko ausschließen wollte. "Für mich ist die Frage, warum sich die Frauen so weit von ihrem Bauch entfernt haben und sie sich so wenig selbst vertrauen."