Das Trauerspiel um die berühmten Toten

OHLSDORF Auf dem weltgrößten Parkfriedhof verkommen die Gräber großer Hamburger. Niemand will für die Pflege bezahlen.

Straßen und Plätze wurden nach ihnen benannt. Es gab Zeiten, da kannte fast jeder in Hamburg ihre Namen - und ihre Leistungen für die Stadt stellt bis heute niemand in Abrede. Trotzdem sind ihre Gräber auf dem Ohlsdorfer Friedhof vergessen und vom Verfall bedroht. Niemand will mehr bezahlen - für diese großen Toten der Stadt. Angehörige gibt es in fast allen Fällen nicht mehr, und städtische Stellen können die Pflegekosten angeblich nicht aufbringen. Die berühmten Menschen, die Hamburg einst recht waren, müssen nun billig sein. "Skandalös" findet es Sabine Blum, die in Ohlsdorf für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, wie mit dem Andenken dieser Toten umgegangen wird. "Wenn wir im Moment nicht das Nötigste selbst übernehmen würden, sähen die Gräber richtig schlimm aus, so einfach ist das." Ein schattiger Platz im Westen des weltweit größten Parkfriedhofs. Versteckt unter tief hängenden Rhododendron-Zweigen liegt das Grab von Johannes Versmann (1820 bis 1899). Ab 1887 war er neunmal Bürgermeister, die Stadt verdankt ihm den Freihafen und etliche moderne Kais. Zu einem letzten Nachfahren Versmanns haben die Friedhofsmitarbeiter Kontakt, aber der Mann kann für das große Grab nicht bezahlen. Ob die Stadt die Kosten für Versmanns Ruhestätte übernehmen will, ist unklar. So ein Ehrengrab hätte der Altbürgermeister zweifellos verdient, aber die Ohlsdorfer werden immer wieder vertröstet. Einstweilen lässt die Ohlsdorf-Verwaltung das Grab pflegen - auf eigene Rechnung. Ähnlich läuft es mit dem Doppelgrab von Erich Ziegel (1876 bis 1950) und Mirjam Horwitz (1882 bis 1967). Jahrelang hatte Hamburg die Kosten getragen, dann wurde plötzlich nicht mehr für das Ehrengrab des Ehepaares gezahlt. Ziegel und Horwitz, als Leiter der Kammerspiele Theater-Pioniere und engagierte Nazi-Gegner, sind offenbar nicht mehr "prominent" genug. "Wir haben eine klare Absage bekommen", so Blum - "ich will das mal lieber nicht weiter kommentieren." Der Rundgang zu den abgelaufenen Gräbern einstiger Hamburg-Größen - er ist ein einziges Trauerspiel. Eingesunken und mit Moos überzogen liegt der Grabstein des genialen Bildhauers Edwin Scharff (1887 bis 1955) schief im Boden. Vor dem Gedenkstein für Alexander Zinn (1880 bis 1941), legendärer Leiter der Senatspressestelle von 1920 bis 1933 wuchert Unkraut, das riesige Monument des Dirigenten Hans von Bülow (1830 bis 1894) konnte trotz knapper Mittel gerade noch einmal standsicher gemacht werden. Die Liste der vergessenen Toten ist lang - auch Uni-Gründer Prof. Karl Rathgen und Dichter Hermann Boßdorf stehen darauf - der Lyriker Robert Garbe und der Afrikaforscher Gustav Adolf von Goetzen. Der Friedhof bietet allen Hamburgern Patenschaften für die abgelaufenen Gräber an. Nähere Informationen gibt es bei Wolfgang Ferrier, Telefonnummer: 593 888 20.