Ehrenamt: Für die Malteser Migranten Medizin hilft ein Hamburger Internist kranken Flüchtlingen

Der Arzt, dem Patienten ohne Papiere vertrauen

Mehr als 230 Menschen aus rund 30 Nationen hat Hubertus-Eberhard Zimmermann schon behandelt. Die meisten leben illegal in Hamburg.

Der Campingtisch ist aufgeklappt, die Sprechstunde beginnt. Einmal in der Woche wird aus einem verwinkelten Hinterzimmer im Marienkrankenhaus die Praxis von Hubertus-Eberhard Zimmermann. Für vier Stunden. Dann behandelt der 69 Jahre alte Internist ehrenamtlich Menschen, die sich keine Krankheit leisten können. Gesundheitlich nicht. Und finanziell schon gar nicht.

Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich: mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. ⊃1;

Zu Dr. Zimmermann kommen Patienten ohne Papiere, Kranke ohne Versicherung, Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung. Wie Fatma aus Afghanistan mit ihrem kleinen Sohn, dessen Zähne schmerzen. Oder Vladi aus Bulgarien, der humpelt. Seit er vor ein paar Tagen von einem Auto angefahren wurde. Ins Krankenhaus traue er sich nicht, sagt der Mann in gebrochenem Deutsch. Weil er dort beantworten müsse, wie er heißt oder wo er wohnt. Dr. Zimmermann fragt nicht. Er hilft. "Wenn ein Patient seinen Namen nicht verraten möchte, dann gebe ich ihm eben einen." Vladi zum Beispiel.

Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren.

Sozialexperten schätzen, dass etwa 100 000 Menschen illegal in Hamburg leben. Versteckt bei Freunden, untergetaucht bei Verwandten. Manche von ihnen arbeiten gelegentlich. Schwarz. Als Erntehelfer oder auf dem Bau. Wie der junge Mann, dessen Blutdruck Dr. Zimmermann gerade misst. "Die meisten meiner Patienten leben von der Hand in den Mund", sagt Zimmermann. "Das wenige Geld, das sie verdienen, brauchen sie, um Essen zu kaufen." Monatlich einen festen Betrag an eine Krankenversicherung zu überweisen sei nicht drin. "Wenn du richtig krank wirst, hast du zwei Möglichkeiten", sagt der junge Mann. "Du wirst kriminell, oder du kommst hierher."

Hierher, in das Arbeitszimmer, das der Seelsorger des katholischen Marienkrankenhauses einmal in der Woche für Hubertus-Eberhard Zimmermann oder dessen Kollegen räumt, sind schon mehr als 230 Menschen aus 30 Nationen gekommen. Seit November 2007. Seit sich die Malteser Migranten Medizin in Hamburg um kranke Flüchtlinge kümmert. "Es ist ein trauriges Milieu, mit dem wir zu tun haben", sagt Zimmermann.

Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinen Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung. Die Patienten sind anders als in der Praxis in Bahrenfeld, die Zimmermann bis zu seinem Ruhestand geführt hat. "30 Jahre und zwei Monate war ich dort tätig", sagt der Internist. Ein "Rentnerleben" ohne die Medizin habe er sich nicht vorstellen können. Von dem Projekt der Malteser sei er sofort begeistert gewesen. "Vielleicht, weil ich selbst ein Flüchtlingskind bin", sagt er leise. Weil er 1945 mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern aus dem heutigen Polen vertrieben wurde, die Familie mit Pferd und Wagen vor der sowjetischen Armee fliehen musste. "Wir haben das nur geschafft, weil uns Menschen geholfen haben", sagt er und blickt zu seiner Frau Brigitte (68), die er aus Kindertagen kennt und die ihn bei seiner ehrenamtlichen Aufgabe unterstützt. "Jetzt möchte ich etwas dafür zurückgeben", sagt er.

Meine Kolleginnen und Kollegen sollen meine Schwestern und Brüder sein.

Ganz allein schafft der Rellinger das nicht. "Ich kann die Diagnose stellen, kurzfristig Schmerzen lindern", sagt er. Aber wenn ein Patient operiert werden müsse oder einen Spezialisten sehen müsse, dann stoße er an seine Grenzen. "Dann betteln wir", sagt Zimmermann. Darum, dass ein Kollege die Behandlung weiterführt. Darum, dass er dies kostenlos tut. "Mittlerweile habe ich ein Netzwerk von 30 Kollegen aufgebaut", sagt er. Er erzählt von einer Zahnärztin, die Fatmas Kind behandelt hat und dafür keinen Cent in Rechnung gestellt hat. "Obwohl es mehr als 400 Euro gekostet hätte." Manchmal komme es aber auch vor, dass Kollegen seine Bitte abschlagen. Aggressiv. "Die Flüchtlinge sollen dorthin gehen, wo sie hergekommen sind, brüllen manche ins Telefon", sagt Zimmermann. "Oder dass die Flüchtlinge die anderen Patienten verschrecken würden. Unfassbar."

Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meiner ärztlichen Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden.

Heute sind drei Patienten gekommen, vier weitere haben angerufen. "Ein ruhiger Tag", sagt Brigitte Zimmermann. Sie führt die elektronische Datei. Verwaltet die wenigen Informationen, die sie von den Patienten erhält. "In letzter Zeit kommen immer mehr Menschen, die legal in Deutschland leben", sagt sie. Vielen gehe es einfach schlecht. Brigitte Zimmermann spricht nicht über die Krankheiten. Sie spricht über die kranke Wirtschaft.

"Den heftigsten Fall hatte ich vor einigen Wochen", sagt ihr Mann plötzlich. "Da habe ich in der Backe eines Patienten einen Tumor entdeckt." Das Sozialamt habe einige Tage später den Transport in ein Krankenhaus in der polnischen Heimat des Mannes bezahlt, etwa 1000 Euro habe dies gekostet. "Weniger als eine Operation in Deutschland."

Die vier Stunden sind vorüber, der Campingtisch bleibt stehen. Nächste Woche ist wieder Sprechstunde - für Patienten ohne Papiere.

Dies alles verspreche ich feierlich und frei auf meine Ehre.


⊃1; Die Zitate stammen aus dem Genfer Gelöbnis, das der Weltärztebund erstmals 1948 verabschiedet und seitdem immer wieder angepasst hat. Es soll eine zeitgemäße Version des Eids des Hippokrates darstellen.