Statistik: Mehr Abiturienten, weniger Schulabbrecher

Warum werden Erfolge verschwiegen?

Das Schulsystem ist offenbar gar nicht so schlecht. Behörde kann positive Tendenzen "nicht vollständig erklären".

Es gibt offensichtlich schulpolitische Erfolgsmeldungen, die auf den hinteren Seiten von Statistik-Sammlungen weithin unbeachtet schlummern. Dazu zählt die folgende Zahl: Die Quote der Schüler, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, ist 2008 auf 8,2 Prozent gesunken - der niedrigste Wert seit vielen Jahren. Zu finden ist die Zahl in der Herbststatistik für das laufende Schuljahr auf der Homepage der Schulbehörde.

Danach betrug die sogenannte Abbrecherquote im Jahr zuvor noch 10,3 Prozent und 2006 sogar 11,5 Prozent. Die Abbrecherquote gilt als eine wichtige Kennziffer in der bildungspolitischen Debatte, weil sie Auskunft darüber gibt, inwieweit ein Schulsystem imstande ist, den schwächsten Schülern zu helfen.

Und noch eine Tendenz ist bemerkenswert positiv: Die Quote der Abiturienten kletterte 2008 auf 38,5 Prozent - auch das ein Höchststand. Fast vier von zehn Schulentlassenen haben die Abi-Prüfung an einem Hamburger Gymnasium oder einer Gesamtschule bestanden. Zum Vergleich: 2004 lag die Abi-Quote noch bei 31,5 Prozent und ist seitdem kontinuierlich auf 38,5 Prozent angewachsen.

Warum hat Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) diese positiven Entwicklungen nicht längst öffentlich gemacht? "Wir haben das nicht kommuniziert, weil wir nicht vollständig erklären können, warum wir diese Tendenzen haben", sagt Armin Oertel, Büroleiter von Senatorin Goetsch. Im Übrigen lägen die Ergebnisse der Herbststatistik erst seit etwa drei Wochen vor.

Andererseits hatte Goetsch ihre Schulreformen unter anderem damit begründet, dass es bislang nicht gelungen sei, die Zahl der Schulabbrecher deutlich zu senken. So hatte die GAL-Politikerin in einem "Welt"-Interview im Oktober des vergangenen Jahres gesagt: "Die vielen guten Einzelmaßnahmen, die es hier in Hamburg gab - bessere Lehrerfortbildung, Vergleichsarbeiten, zentrale Prüfungen, autonome Schule -, haben die Zahl der Schulabbrecher nicht senken können. Wir brauchen sowohl mehr Qualität als auch bessere Strukturen." Die Notwendigkeit der Reformen lässt sich so nach Vorliegen der Herbststatistik nicht mehr zwingend herleiten.

"Sollte sich herausstellen, dass Frau Goetsch bei einem so wichtigen Thema so wichtige Erfolge verschwiegen hat, nur weil es nicht in ihre politische Argumentation passt, hielte ich das nicht für akzeptabel, ", sagt der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Robert Heinemann, der in der vergangenen Legislaturperiode als schulpolitischer Sprecher seiner Fraktion die Schulpolitik der CDU-Alleinregierung mitgestaltete.

Als eine denkbare Ursache für das Absinken der Abbrecherquote gelten die Ziel- und Leistungsvereinbarungen, die zwischen Schule und Behörde seit 2005 geschlossen werden. Diese Selbstverpflichtungen der Schulen beinhalten häufig als Ziel, durch gezielte Maßnahmen mehr Schüler zu einem Abschluss zu führen. Auch die Einführung der PraxisLerntage an Haupt- und Realschulen könnte eine positive Wirkung haben.

Armin Oertel weist noch auf einen möglichen statistischen Effekt hin: Danach sollen Sonderschulen Schüler, die die Schule verlassen haben, dann nicht als Abbrecher gemeldet haben, wenn sie noch in ein Berufsvorbereitungsjahr wechseln.

Bei der Ursachenforschung für die bessere Abiturquote fallen die Antworten noch vager aus. "Das Bildungsniveau hat offensichtlich zugenommen und die Bildungsorientierung der Eltern auch", vermutet Heinemann. Nach Angaben von Büroleiter Oertel hat die Behördenleitung eine interne Prüfung in Auftrag gegeben, um die Gründe für die beiden positiven Tendenzen zu ermitteln. So soll unter anderem bei den besonders erfolgreichen Schulen nachgeforscht werden.

Aus der Herbststatistik ergibt sich auch, dass Schüler ohne deutschen Pass nicht in gleicher Weise an der positiven Entwicklung teilhaben wie ihre deutschen Mitschüler. So ist der Anteil der Schulabbrecher unter den nicht deutschen Schülern mit 15,2 Prozent fast doppelt so hoch wie die Gesamtquote. Umgekehrt schaffen nur 19,4 Prozent der Schüler ohne deutschen Pass das Abitur. Ihr Anteil ist nur halb so hoch wie beim Durchschnitt. Die nicht deutschen Schüler erreichen zu 32,6 Prozent einen Hauptschulabschluss (alle: 21,4 Prozent). Nur bei den Realschulabschlüssen schaffen die ausländischen Schüler mit 31,1 Prozent eine ähnliche Quote wie die Gesamtheit der Abgänger (29,4).