Preisgekrönte Reportage über Busfahrer

Wettbewerb: Vier Journalisten haben bei HVV-Image-Kampagne Preise gewonnen

Eine gute Dramaturgie, dass einer der Gewinner zu spät zur Preisverleihung kam: Er war nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sondern mit dem eigenen Auto. Die Initiative der im HVV versammelten Busunternehmen zeichnete am ZOB die vier Journalisten aus, die bei einem Reportage-Wettbewerb im Rahmen der Image-Kampagne "Wir fahr'n Sie. Ihre Busfahrer" die ersten Preise gewonnen hatten. Der frühere Abendblatt-Online-Redakteur Jan Aslak Stannies wurde Erster mit der Kindheitserinnerung "Zweikampf um die Hohe Liedt". Im Folgenden Auszüge aus seiner Reportage. Von Jan Aslak Stannies Meine Karriere als Busfahrer begann im Herbst 1982. Auf der Linie 192 Glashütter Markt-Hagenbecks Tierpark. Natürlich nicht vorne auf dem Fahrersitz, denn ich war erst zehn Jahre alt. Meine Eltern waren im Winter umgezogen, und ich hatte noch ein knappes Jahr vierte Klasse vor mir, sollte aber dafür nicht mehr die Schule wechseln. Also sattelte ich für meinen täglichen Schulweg vom Rad auf den Bus um und lieferte mir jeden Morgen gegen 7.40 Uhr mit dem Busfahrer ein knallhartes Duell um den ersten Platz an der Haltestelle Hohe Liedt. Wenn ich in die Tangstedter Landstraße einbog, konnte ich schon von weitem erkennen, ob an der vorherigen Haltestelle am Krankenhaus Heidberg ein Bus stand. War sie leer, konnte ich mir Zeit lassen, die 400 Meter bis zu meiner Station im Spaziergang zurücklegen. Brenzlig dagegen wurde es, wenn ein Bus bereits unterwegs war. Dann konnte ich entweder losrennen oder aufgeben und zehn Minuten auf die nächste Fahrgelegenheit warten. Meist lief ich los, was vielleicht auch ein Grund dafür war, dass ich später in der Schule zu den besten Sprintern der Klasse gehörte. Wenn es wirklich knapp wurde, zwang ich unfairerweise den Bus zum Zwischenstopp an einer Fußgängerampel, während ich gemächlich zur Haltestelle weiterjoggen konnte und entspannt einstieg. Am liebsten setzte ich mich auf den Einzelsitz ganz vorne rechts, wo die Sicht am besten war und ich den Fahrer beobachten konnte. Aus dem Lautsprecher kamen Funksprüche. Die Busse des Jahres 1982 waren wie ein rot-weißer Panzer mit Fenstern: eng, laut und unbequem (. . .) Am lustigsten fand ich aber den unförmigen Apparat, aus dem damals die Fahrscheine kamen: Mit Wählscheibe und Kurbel an der Seite sah er aus wie eine Kreuzung aus Telefon und Drehorgel. Das Ticket in blassblauer Schrift auf gelblichem Papier war zwar kaum leserlich, kostete aber nur 90 Pfennig. (. . .) Nachmittags ging es die Strecke retour. Irgendwann wurde ich mutiger und verspürte Entdeckerdrang. Dann fuhr ich nach Schulschluss "versehentlich" ein paar Stationen weiter. Einmal blieb ich bis zum Glashütter Markt im 192er sitzen. Ein 378er stand dort bereit, und weil ich ohnehin auf großer Fahrt war, stieg ich dort ein und blieb sitzen, bis mich der Fahrer an der Endstation raussetzte. Bei Sonnenschein, Minusgraden und ohne Handschuhe musste ich in einem langweiligen Örtchen namens Wilstedt eine Stunde im Schnee warten, bis ein Bus mich wieder zurück nach Hamburg brachte. Zu Hause folgte ich am Stadtplan den Linien durch Hamburg. Ich erkannte, dass hinter dem Netz aus roten Linien ein ausgeklügeltes System steckte: Linien mit ähnlichen Nummern fuhren auch in der gleichen Gegend, und die höheren Hunderterzahlen verkehrten weiter draußen. Diese Logik gefiel mir, ebenso die Entdeckung der Gelenkbusse auf der Linie 102, deren drehbares Mittelteil neue Anforderungen an das Gleichgewicht eines Zehnjährigen stellte. So einen wollte ich auch fahren. Damit war mein vorläufiger Berufswunsch festgelegt. Weil ich dachte, dass Busfahrer ähnlich wie die Männer in den Taxis alle Haltestellen kennen müssten, schnappte ich mir den Sommerfahrplan 1983 und begann, die Linien auswendig zu lernen. Immerhin bin ich bis zur 106 gekommen. 1983 nahm meine Karriere als Busfahrer ein jähes Ende. Ich kam auf das Gymnasium, das in Sichtweite unserer Wohnung lag. Sommerfahrpläne und Monatskarten brauchte ich nicht mehr.