Razzia gegen Hells Angels

Größter Polizeieinsatz könnte auch Mordfall aufklären

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Dieter Hanisch

Rund 1000 Polizisten durchsuchten Bordelle, Kneipen und Wohnungen in Hamburg und Norddeutschland. Die GSG 9 stürmte Haus von Rockerchef Hanebuth.

Kiel/Hannover/Hamburg. Beim größten Polizeieinsatz gegen Rockerkriminalität in Schleswig-Holstein sind am Donnerstag 89 Gebäude, darunter viele Bordelle, durchsucht worden. Fünf Mitglieder der Führungsspitze des verbotenen Kieler Clubs der Hells Angels wurden festgenommen, wie die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt (LKA) mitteilten. Insgesamt waren 1.200 Polizisten, darunter 400 Spezialeinsatzkräfte der Länder und die GSG 9 der Bundespolizei, sowie mehr als 60 Staatsanwälte im Einsatz. Beschlagnahmt wurden Schusswaffen, Messer, Macheten, Computer und Handys.

Anlass der Großrazzia sind 194 Ermittlungsverfahren der LKA-Sonderkommission „Rocker“ gegen 69 Beschuldigte wegen Waffenhandels, Korruption, Erpressung, Menschenhandels und Körperverletzung. Die Großrazzia begann am frühen Morgen um 05.00 Uhr: 87 Gebäude – zumeist Etablissements im Rotlichtmilieu – wurden in Kiel und im Umland der Landeshauptstadt durchsucht, zudem ein Gebäude in Hamburg und das Haus des Club-Chefs von Hannover, Frank Hanebuth.

Nach Angaben der Oberstaatsanwältin Birgit Heß geht es auch um einen Mordfall. Die Polizei vermutet die Leiche eines Vermissten einbetoniert im Fundament einer Lagerhalle in Altenholz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vor den Toren Kiels. Die Ermittler durchsuchten die Hallen mit Leichenspürhunden. Der 47-jährige Kieler Familienvater Tekin Bicer war am 30. April 2010 spurlos verschwunden. Nach ihm wurde 2011 auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ gesucht.

Der Hells Angels MC, Charter Kiel, ist seit Jahresanfang verboten. Die fünf Festgenommenen, darunter einer aus Hamburg, wurden aufgrund bestehender Haftbefehle den Ermittlungsrichtern des Amtsgerichts Kiel vorgeführt. Gegen zwei bereits inhaftierte Personen wurde ein neuerlicher Haftbefehl ausgestellt.

Welche Rolle die gefundenen Waffen bezogen auf den Vorwurf des Waffenhandels spielen, blieb zunächst unklar. Mitgeteilt wurde lediglich, dass es Waffengeschäfte zwischen den Hells Angels zuzurechnenden Rockern aus Kiel mit Angehörigen aus der rechtsextremen Szene gegeben habe.

Ermittelt wird nach Angaben der Behörden auch gegen drei Beamte wegen Bestechlichkeit. Dabei handelt es sich um einen Mitarbeiter der Stadt Kiel, einen Bediensteten aus einer Justizvollzugsanstalt sowie um einen Beamten der Landespolizei.

Der Präsident des Hells Angels MC Charter Hannover, Frank Hanebuth, kritisierte über seinen Anwalt die Durchsuchung seines Hauses. „Die durchgeführte Maßnahme war aus unserer Sicht völlig unverhältnismäßig“, hieß es in einer Mitteilung seines Rechtsanwalts Götz-Werner von Fromberg aus Hannover. Die Einsatzkräfte hätten Türen aufgebrochen und einen sechs Monate alten Hund erschossen.

Friedrich sieht generelles Verbot von Rockerbanden skeptisch

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hält ein generelles Verbot von Rockerbanden nicht für sinnvoll. „Wenn man eine Vereinigung verbieten will, muss es eine hinreichend verfestigte Struktur geben. Man kann ja nicht einfach Menschen verbieten“, sagte der CSU-Politiker den „Kieler Nachrichten“. Er verglich die Situation mit den Herausforderungen der Neonazi-Szene.

Örtliche Verbote gebe es in Deutschland bereits „in großem Stil“. „Es gibt in den Ländern verschiedene Organisationen von Rockerbanden, und die werden von den jeweiligen Innenministern auch konsequent verboten, und zwar mehrmals jährlich“, sagte der Minister.

Mit Material von dapd und dpa

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