Debatte

Die Schulen nicht zu schnell verändern

Bevor mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in die Klassen kommen, sollten Voraussetzungen dafür geschaffen werden

Kürzlich waren fast 200 Hamburger Lehrer, Schulleiter und Eltern bei der Anhörung des Schulausschusses. Das zeigt, dass der Wunsch nach Transparenz besteht und offenbar erhebliche Unzufriedenheit herrscht. Wiederkehrender Applaus, in Ausschusssitzungen gar nicht üblich, zeigte die hohe emotionale Betroffenheit der Anwesenden.

Die Bürger Hamburgs wünschen sich eine menschliche Schule, in der Zuwendung und Pädagogik im Vordergrund stehen. Dieser Wunsch scheint momentan schwer umsetzbar, denn die aktuelle Strukturreform verläuft anders, als es sich die Enquete-Kommission vorgestellt hatte. Ein gleichberechtigtes Zwei-Säulen-System aus Gymnasium und Stadtteilschule war die Idee. Geblieben sind die Gymnasien und die Gesamtschulen. Zerstört wurden erfolgreiche, überschaubare H/R-Schulen, die nun Stadtteilschulen heißen und auch nichts anderes sind als Gesamtschulen, nur eben ohne deren gute Ausstattung. Durch den organisatorischen Zusammenschluss von Schulen mehrerer Standorte haben diese nun weit über 1000 Schüler. Mit der Anonymität steigt auch die Disziplinlosigkeit. Wenn Schüler die 125 Lehrer ihrer Schule nicht kennen, geschieht es eben, dass sich ein Sechstklässler vor einem Lehrer, der ihn auf dem Schulhof zurechtweist, aufbaut und ihn anschreit "Was wollen Sie denn? Sie können mir gar nichts!" Momentan ist die Stimmung, besonders an vielen Stadtteilschulen, auf dem Nullpunkt. Die Lehrkräfte sind am Ende ihrer Belastbarkeit.

Ziel der Enquete war es auch, neben dem Abitur am Gymnasium nach zwölf Jahren, dieses nach 13 Jahren an den Stadtteilschulen zu ermöglichen. Dabei war klar, dass die Hauptaufgabe der Stadtteilschule in einer praxisnahen Hinführung zum Beruf liegen muss.

Dennoch liegt an manchen Stadtteilschulen das Hauptaugenmerk auf der Steigerung der Abiturientenzahl unter dem Motto "Unser gemeinsamer Weg zum Abitur". Es sollte besser "zum Abschluss" heißen, da die Mehrzahl der Stadtteilschüler aus unterschiedlichen Gründen nicht das Abitur machen kann. Schüler, die mit einem Notenschnitt von 3,0 aus der Stadtteilschule in die Oberstufe wechseln, können oft weder flüssig lesen noch richtig schreiben, von eigenständig denken oder guten Mathematikkenntnissen ganz zu schweigen. Sie schaffen aber aufgrund des klientelbedingt oft schlichten Niveaus und der Nichtbewertung der Rechtschreibung in anderen Fächern, außer Sprachen, so eben den Schnitt.

Das Abitur können Gymnasien besser, das ist seit Jahrhunderten ihr Zweck! Warum nicht den Zugang zur Oberstufe und zum Gymnasium erschweren und den Schnitt bei 2,0 ansetzen wie in Sachsen? Das würde das Niveau der Gymnasien heben, und es verblieben mehr gute Schüler in den Stadtteilschulen, was hier zu einem besseren Leistungsbild führen könnte.

Angesichts der Umstände muss man bei der Umsetzung der Inklusion besonders behutsam vorgehen. Bevor den Stadtteilschulen nicht ausreichend Mittel, Räume, Lehrer und Konzepte zur Verfügung stehen sowie Standortfragen und Zubauten geklärt sind, bevor sich die neuen Riesenschulen nicht "gefunden" haben, sollte man von der zusätzlichen Zuweisung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf dringend absehen. Wie will man bis zu vier dieser Kinder in einer Klasse mit 23 Schülern gerecht werden, in der noch fünf verhaltensauffällige Kinder ohne Diagnose zum täglichen Wahnsinn einer Stadtteilschule beitragen?

In anderen Bundesländern gibt es "Projektschulen" mit besonderem Schwerpunkt der Inklusion. Das hat den Vorteil, dass Sonderschullehrer als Experten zielgerecht eingesetzt werden können. Kleine Klassen bieten dort die nötige Voraussetzung für ausreichende Zuwendung, die diese Schüler so dringend brauchen. Diese nutzen gern auch nicht behinderte Kinder. Auch ein Ansatz für uns?

Die vielen Redebeiträge der Bürger vor dem Schulausschuss zeigten große Übereinstimmung darin, dass Inklusion unterstützt wird. Aber es gab die Forderung, die Umsetzung zu entschleunigen. Überdeutlich wurde die kritische Situation der Stadtteilschulen. Betont wurde die Notwendigkeit menschlicher Zuwendung in Schulklassen und die Rücksichtnahme auf die Situation der Lehrkräfte seitens der Behörde, durch Berücksichtigung im Arbeitszeitmodell. Der Ausschuss und der Herr Senator können nicht mehr sagen, sie hätten das alles nicht gewusst.

Karin Brose, 62, ist Studienrätin an der Lessing-Stadtteilschule in Hamburg-Sinstorf