Eurovision Song Contest: Fünf Fragen an Claas Triebel

Lena weckt harmlosen Patriotismus

Dr. Claas Triebel, 36, ist Buchautor und Psychologe aus München

Hamburger Abendblatt:

1. Was ist am Eurovision Song Contest "Ein bisschen Wahnsinn" - so heißt Ihr Buch, das Sie mit zwei Koautoren über den Grand Prix - die weltgrößte Musikshow - geschrieben haben?

Claas Triebel:

Im Prinzip ist es eine irrsinnige Idee, alle Länder Europas und noch einige mehr in einem Musikwettbewerb zu vereinigen. Hier werden die unterschiedlichsten Stile präsentiert in einer liebenswerten Veranstaltung, die sich seit Jahrzehnten erfolgreich hält.

2. Vor einem Jahr wurde Lena als Siegerin von Oslo gefeiert. Dann hieß es, sie habe ihre Unbekümmertheit verloren. Ist alle Kritik an ihr vergessen, wenn sie auf der Bühne steht?

Triebel:

Das glaube ich schon. Hier laufen psychologische Mechanismen ab ähnlich wie bei einer Fußballweltmeisterschaft. Je näher das Ereignis rückt, desto mehr Begeisterung gibt es. Die Zuschauer in Deutschland werden Lena die Daumen drücken, wenn es so weit ist. Dann wird die Kritik schlagartig vergessen sein, alle werden jubeln. Hier kommt auf eine harmlose und nette Weise Patriotismus durch.

3. Was fasziniert die Menschen so an diesem Wettbewerb?

Triebel:

Einerseits ist der Grand Prix ein Relikt aus der Zeit, als der Fernseher noch eine Art Kaminfeuer war, um das sich die Familie im Wohnzimmer scharte. Andererseits bietet er ein gewisses Spektakel mit ungewöhnlich vielen Musikstilen. Es ist nun mal der größte Musikwettbewerb der Welt - dadurch entsteht eine Eigendynamik.

4. In Ihrem Buch erwähnen Sie einen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskraft und der Zustimmung der Menschen zum Songwettbewerb. Wie funktioniert das?

Triebel:

Diese Beobachtung beschreiben wir mit einem Augenzwinkern. Es gab mal eine Doktorarbeit zu diesem Thema. Der Autor hatte festgestellt, dass sich in Ländern mit hohem Bruttonationaleinkommen Politiker häufiger negativ über den Contest äußern als in Ländern mit niedrigem Bruttonationaleinkommen. Ich bin da ein bisschen skeptisch. In Schweden und Norwegen ist der Wettbewerb sehr populär, obwohl die Skandinavier wirtschaftlich stark sind. Auf den Osten Europas trifft es allerdings eher zu.

5. Können Sie Menschen, die sich bisher nicht für den Grand Prix begeistern konnten, vom Gegenteil überzeugen?

Triebel:

Das denke ich schon. Wer den Wettbewerb unbefangen verfolgt, wird eine große unterhaltsame und sympathische Veranstaltung kennenlernen, in der Beachtliches, Abseitiges und Lustiges passiert. Die Creme de la Creme der Musik werden wir dort zwar nicht finden, wohl aber einen spannenden und interessanten Querschnitt.