Hamburg

Das besondere Heim für demente Alte am Schanzenpark

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Christoph Hoppe
Das Elisabeth Alten- und Pflegeheim liegt am Kleinen Schäferkamp, direkt im quirligen Schanzenviertel.

Das Elisabeth Alten- und Pflegeheim liegt am Kleinen Schäferkamp, direkt im quirligen Schanzenviertel.

Foto: Elisabeth Alten- und Pflegeheim der Freimaurer von 1795

Im Elisabeth Seniorenheim leben Bewohner auf „St. Pauli“ oder in der „Speicherstadt“. Zudem können sie jederzeit auf die Sternschanze.

Hamburg.  Im Grunde kennt das jeder aus seinem Alltag: „Ob Extremsportler oder Raucher, man gibt immer ein Stück Sicherheit für die persönliche Lebensqualität auf“, sagt Dr. Hans-Jürgen Wilhelm, Vorstand des Elisabeth Altenheims am Schanzenpark. Und auch er selbst steht jeden Tag wieder vor der Entscheidung: Wie viel Freiheit lasse ich meinen Bewohnern, wenn sie an Demenz erkrankt sind? Wie hoch ist das Risiko, dem sie ausgesetzt werden?

Hans-Jürgen Wilhelm findet es wichtig, das Thema Demenz immer wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Weshalb er sich dazu entschlossen hat, den an Demenz erkrankten Bewohnern seines Heims höchstmögliche Autonomie und Lebensqualität zu ermöglichen. Wobei ihm klar ist, dass er damit den Weg des minimalen Risikos verlässt.

In dem Heim am Kleinen Schäferkamp am Schanzenpark mit rund 180 Bewohnern gibt es keinen speziellen und vor allem nicht geschlossenen Bereich für an die an Demenz erkrankten Bewohner. Stattdessen leben sie durchmischt und auf „St. Pauli“ oder in der „Speicherstadt“, so lauten die Namen der einzelnen Wohnbereiche.

Ein dementer Mensch ist nicht verrückt

Dabei haben die Bewohner jederzeit die Möglichkeit, das Heim zu verlassen und ins pulsierende Leben der Sternschanze einzutauchen. „Ein dementer Mensch ist nicht verrückt oder psychologisch krank“, erklärt Wilhelm. Entscheidend sei, inwieweit die Person ihre eigene Leistungsfähigkeit einschätzen könne. Die offene Strategie des Heims im Umgang mit seinen Bewohnern sei dabei keineswegs fahrlässig. „Auch ein dementer Mensch kreuzt unter normalen Umständen nicht einfach bei Rot die Straße“, sagt Vorstand Wilhelm. „Da muss man immer den Einzelfall betrachten.“

Zur Erklärung des Verhaltens demenzkranker Menschen helfe es, sich das gesellschaftliche Zusammenleben als ein Theater und die einzelnen alltäglichen Aktivitäten – wie zum Beispiel den Gang zur Bäckerei ­– als verschiedene Bühnen mit klarer Rollenverteilung vorzustellen, erklärt er. Das Problem im Gegensatz zum gesunden Menschen sei dabei, dass ein Demenzkranker die verschiedenen Bühnen nicht mehr erkenne und „verzweifelt versucht, seine Rolle auf dieser Bühne zu finden“, so Wilhelm. Unruhe, Angst oder Aggressivität in derartigen Situationen lasse sich auf das Gefühl des Kranken zurückführen, viel jünger zu sein, als er eigentlich ist.

Demenzkranke tragen Etiketten des Heims

Bei aller Offenheit des Altenheims – am Schanzenpark wurden dennoch bestimmte Vorkehrungen im Umgang mit den Demenzkranken getroffen. Man stehe zum Beispiel kontinuierlich im Dialog mit Gewerbetreibenden des Viertels, um das möglicherweise irritierende Verhalten der Heimbewohner zu erklären. Zusätzlich tragen die Demenzkranken Etiketten des Heims auf der Brust, so dass Passanten und Taxifahrer stets erkennen, woher die Personen kommen. Parallel dazu tauscht sich Wilhelm eng mit den Angehörigen aus ­– auch sie haben meist ein gutes Gespür für den Gesundheitszustand ihrer Lieben.

Teilzunehmen am ganz normalen Alltag, trotz Demenz ­– das steht für Wilhelm im Mittelpunkt seines Tuns. Und doch: Komplett ausschließen kann auch er das Risiko nicht.

Der Alltag berge immer bestimmte Gefahren, das gelte aber auch für gesunde Menschen, sagt Wilhelm. Wenn man in der Situation ist, für andere zu entscheiden, neige man dazu, die Sicherheit zu hoch zu bewerten. Das ist aus seiner Sicht problematisch, denn „wie schön der Alltag eigentlich ist, merkt man doch erst, wenn er einem genommen wird.“

Wilhelm fordert ein Umdenken in der Gesellschaft

Insgesamt gehe es dementen Menschen gar nicht so schlecht, schwieriger sei das Verhalten des Umfelds, erklärt er und fordert ein Umdenken in der Gesellschaft und mehr Sensibilität im Umgang mit den Pflegebedürftigen.

Das Thema „Krankheit und Pflegebedürftigkeit“ aus der Gesellschaft rauszuhalten, sieht Wilhelm nicht als seine Aufgabe an. Eher im Gegenteil. Der Kritik, er würde seiner Aufsichtspflicht nicht nachkommen, wenn sich an Demenz erkrankte Bewohner unbeaufsichtigt in der Stadt bewegen, widerspricht er vehement: „Der Umgang mit dieser Krankheit wird für alle einfacher, wenn wir versuchen zu erkennen, auf welcher Bühne der an Demenz erkrankte Mensch zu stehen glaubt“, sagt er. Wer Inklusion wolle, müsse dafür auch mal fünf zusätzliche Minuten seines Alltags entbehren können.

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