Bahrenfeld

Dramatische Zustände in Hamburgs größtem Flüchtlingsdorf

Ibrahim Shalabi, 20 (r.), aus Syrien mit einem Landsmann in der Zentralen Erstaufnahme an der Schnackenburgallee. In der Regel teilen sich dort zehn Flüchtlinge ein Zelt

Ibrahim Shalabi, 20 (r.), aus Syrien mit einem Landsmann in der Zentralen Erstaufnahme an der Schnackenburgallee. In der Regel teilen sich dort zehn Flüchtlinge ein Zelt

Foto: HA

Frust, Gewalt, Brandstiftung: Die Mitarbeiter der Erstaufnahme Schnackenburgallee flehen um Hilfe. Scheitert hier die Flüchtlingspolitik?

Bahrenfeld.  Ibrahim Shalabi, 20, hockt auf seiner Pritsche und wagt für einen kurzen Moment zu träumen. „Vielleicht bringen sie uns heute weg, bloß weg“, sagt der Syrer. Jeder Atemstoß kondensiert in der Zeltluft. Schalabi hat kaum geschlafen, schreckte immer hoch, wenn eine Decke verrutschte und die Kälte an der Haut nagte. „Vielleicht stirbt aber auch jemand, oder alle drehen endgültig durch“, sagt Shalabi. „Ganz sicher wird die Polizei kommen, Sie haben ja keine Vorstellung“.

Durch einen Spalt ragen die weiteren Zelte der Erstaufnahme Schnackenburgallee an einem Hang auf. 1100 Bewohner, Mitarbeiter und Bewohner sagen nur „Schnacke II“. Familien und junge Männer ducken sich im Nieselregen, Wachmänner blicken umher. Wenn sich in das Dröhnen der Autobahn 7 ein plötzliches Geräusch mischt, liegt in ihren Gesichtern jene Stimmung, welche die Polizei in einem Lagebericht „hochgradig explosiv“ nennt. Er wisse nicht mehr, wer hier wen beschütze, sagt ein Wachmann.

„Die Stimmung in der Schnacke hat sich mit der Herbstkälte völlig gedreht“, heißt es in der Verwaltung. Das größte Hamburger Flüchtlingsdorf könne auch der Ort sein, an dem die Stadt in der Flüchtlingskrise scheitert.

Flüchtlinge attackieren die Leiterin der Einrichtung und wollen Zelte anzünden

Der Albaner Tahrir verteilt am Donnerstagmittag Brotstücke an seine zwei Söhne in einer der mittleren Zeltreihen. „Draußen liegen schon die Rohre, aber die Heizung wird nicht angeschlossen. Trotzdem bleiben wir lieber drinnen, unter uns, weil viele Nachbarn wütend sind. Die wollen alle hinauf, aus den ungeheizten in die beheizten Zelte und vor dem ersten Schnee in einen Container. Egal wie, auch mit Gewalt“, sagt Tahrir.

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In der vergangenen Woche hatten die ersten Bewohner Ernst gemacht. Sie zogen zu den Verwaltungscontainern und wollten die Räume „stürmen“, heißt es in dem Lagebericht. Nur einige Tage später griff ein nach Polizeiangaben „sonst sehr ruhiger“ Syrer nach einem Stuhl und bedrohte Isabel P. (Name geändert), die Leiterin des Zeltlagers. Am Sonntag zündeten Flüchtlinge mehrere Holzpaletten an, vier Bewohner bedrängten und attackierten eine Mitarbeiterin auf dem Hof. „Uns allen war klar, dass bei der nächsten Versammlung die Zelte brennen“, sagt ein Mitarbeiter.

Am Montag setzte Isabel P. einen verzweifelten Hilferuf ab. „Wir sitzen hier auf einem Pulverfass. Wir vermuten, dass das bald hochgehen wird (...). Wir können das hier nicht mehr verantworten“, heißt es in einer E-Mail an ihre Vorgesetzte der städtischen Gesellschaft „Fördern & Wohnen“, die dem Abendblatt vorliegt. Dem Mann, der sie bedroht hatte, gab Isabel P. den ersehnten Containerplatz. Nach Einschätzung der Polizei ein Fehler. Der Vorfall habe sich schnell unter Bewohnern herumgesprochen, nun sei „ein ähnliches Vorgehen weiterer Bewohner“ zu befürchten. Manche Flüchtlinge denken offenbar, dem Frost nur mit Krawall entfliehen zu können.

Die Betreuer arbeiten in Angst, die Ärzte behandeln ohne Strom

Inzwischen habe er manchmal Angst auf dem Weg zur Arbeit, sagt ein Angestellter an der Schnackenburg­allee. „Wir haben die Kontrolle leider verloren und gewinnen sie nur langsam wieder zurück.“ Ein Sozialarbeiter betont, er könne verstehen, dass das Warten und die Ungewissheit in blanke Wut umschlage. „Die wenigsten Bewohner sind aggressiv oder haben schlechte Charaktere. Sie fühlen sich nur einfach alleingelassen.“

Die Betreuer an der Schnackenburgallee laufen am Mittag über die Verbindungsstraße des Zeltplatzes und bringen das Nötigste. 50 bis 60 Betten werden pro Woche unbrauchbar, durch Zerstörung und Schimmel, fast eine Woche lang warteten die Betreuer auf Waschpulver. Gemeinsam mit weiteren Flüchtlingen diskutiert auch Tahrir mit einem Mittzwanziger von „Fördern & Wohnen“ auf einer Schlammpiste die Frage, wann endlich Besserung in Sicht sei. „Große Liste“, sagt der Mitarbeiter, „erst die Schwangeren, dann die Familien in die Container. Habt Geduld bitte, ich bin auch aufgebracht“.

Die Schulräume für Kinder in der Unterkunft sind ebenfalls mit Familien belegt. Der Unterricht fällt derzeit aus. Am Dienstag schloss sich die komplette Belegschaft mit der Unterkunftsleitung zur Krisensitzung ein. „Die Mitarbeiter sind sich seit langem bewusst, dass die Zelte weg müssen. Sie können es nicht ertragen und nicht mehr damit umgehen“, sagt eine Führungskraft.

Erst am Donnerstag entschloss sich der Senat, die Familien noch vor der Errichtung von Holzhäusern auszuquartieren. „Der Senat hatte nicht im Blick, wie sich die Lage an der Schnackenburgallee zuspitzt. Dieser Schritt ist richtig, aber kommt sehr spät“, kritisiert die CDU-Abgeordnete Karin Prien. Die Schäden durch die Kälte werden in der „Schnacke“ weiter zu spüren sein.

Mehrere Hundert Bewohner sind erkrankt, es gibt „unzählige Erkältungskrankheiten“ und „eine grassierende Bronchitis“, den Schwangeren drohe eine Frühgeburt. „Wir haben nicht einmal Strom im Behandlungszimmer, geschweige denn medizinische Geräte“, sagt ein Mitarbeiter. Die Ärzte müssten oft Stunden länger bleiben, die Patienten würden Abends im Schein einer Taschenlampe untersucht. Wenn es nacht wird, sagt Ibrahim Shalabi, frören auch er und seine neun Zeltgenossen im Dunkeln. Er wolle eigentlich Medizin studieren, sagt der Syrer. „Vor allem dachte ich, dem Wahnsinn entkommen zu sein.“