Interne Lage-Einschätzung

Polizei warnt vor neuen Krawallen in Altona

Die Polizei traut dem Frieden nach den Krawallen Anfang Juli nicht – so steht es in einer internen Beurteilung: „Die Lage könnte sich nach nötigen Einsätzen schnell verändern.“

Altona-Altstadt. Die Augustsonne scheint durch die Baumkronen. Ruhe liegt über dem August-Lütgens-Park in Altona-Altstadt. Vom unablässig rollenden Straßenverkehr auf der Holstenstraße ist hier nichts zu hören. Stattdessen spenden alte, hochgewachsene Bäume Schatten. Eine Mutter sitzt auf einer Bank und liest. Das Kind in ihrem Kinderwagen schläft.

Angesicht dieser Idylle ist es kaum vorstellbar, dass vor gut sechs Wochen rund um den Park Polizisten und Anwohner gewaltsam aneinandergerieten. 16 jüngere Leute wurden festgenommen, weil sie Steine auf Polizeibeamte geworfen haben sollen. Offiziell hieß es später: Zu den Ausschreitungen sei es gekommen, weil die Polizei wiederholt Jugendliche kontrollierte.

Die Lage hat sich, so scheint es, beruhigt. Doch die Stille trügt. In einer Lagebeurteilung der Polizei heißt es, dass sich bei notwendigen Polizeieinsätzen „die zurzeit ruhige Lage schnell wieder verändern“ könne. Der Grund: Seit einiger Zeit werden vermehrt Roller gestohlen. Im Verdacht stehen auch jene jungen Leute, die im Juli mit der Polizei aneinandergerieten.

Um die Situation zu verstehen, ist es sinnvoll, sich noch einmal vor Augen zu führen, wie es zu der Zuspitzung der Lage kam. Die Polizei hat die Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahre aufgearbeitet. Dem Abendblatt liegt dieses interne Papier vor. Das Bemühen, die Vorgänge objektiv darzustellen, ist beim Lesen zu bemerken. Zur Wahrheit gehört aber der Hinweis, dass es die Sicht der Sicherheitsbehörden ist.

Es ist das Frühjahr 2012. Polizeibeamten fällt erstmals „eine lose Gruppierung von zunächst 16 Personen im Alter zwischen 16 und 26 Jahren“ auf, die sich im August-Lütgens-Park unweit des Hauses Drei aufhält. In dem Gebäude sind ein Internationales Zentrum und eine Kita untergebracht.

Die Polizei geht davon aus, dass einige der Mitglieder dieser Gruppe für Straftaten wie Körperverletzung, Raub und Drogenhandel verantwortlich sind. An manchen Tagen zählt die Gruppe bis zu 40 Mitglieder. An anderen Tagen sind es weniger. Der harte Kern besteht aus zehn jungen Personen, „ohne dass feste Strukturen oder eine Hierarchie erkennbar wären“.

Der Polizei gegenüber treten die jungen Männer „aggressiv“ und „provozierend“ auf. „Bereits die Anwesenheit von Polizeibeamten in diesem Bereich führt zu massiven Beleidigungen und Bedrohungen“, berichten Polizisten. Als im Frühsommer 2012 vermehrt St.-Pauli-Besucher nachts auf ihrem Heimweg durch das Viertel ausgeraubt werden, reagiert die Polizei.

Ein Streetworker versucht vergeblich, mit den Mitgliedern der Gruppe ins Gespräch zu kommen. Von Oktober bis kurz vor Weihnachten arbeiten Zivilfahnder vor Ort, während die Polizei offen Präsenz zeigt. „Die Einsätze führten zunächst zu einer Lageberuhigung“, heißt es in dem internen Papier. Ende Februar dieses Jahres reduziert die Polizei ihre Präsenz dauerhaft.

Es dauert danach aber nicht lange, bis die Männer erneut durch Körperverletzung und Drogenhandel auffallen. „Ende Juni, Anfang Juli 2013 mehrten sich Beleidigungen gegenüber Polizeibeamten anlässlich von Einsätzen beziehungsweise bei zufälligem Aufeinandertreffen mit Personen der besagten Gruppierung“, schreibt die Polizei.

Zahl der Straftaten steigt an

Dass die Situation sich nicht entspannt, lässt sich an der Zahl der Straftaten in dem Viertel erkennen. Im zweiten Halbjahr 2012 registriert die Polizei 530 Straftaten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind es 537. In 231 Fällen geht es um Diebstahl, in 62 Fällen um Körperverletzung. Sachbeschädigung liegt in 92 Fällen vor.

Im Frühsommer zeigt die Polizei vor Ort wieder Präsenz und führt wiederholt verdachtsunabhängige Personenkontrollen durch. „Bei Einschreitesituationen wurde den Polizeibeamten offen mit Repressalien bis hin zum Tod gedroht“, heißt es in dem Papier. Alle Beamten berichten von einem „erheblichen und sich steigernden Aggressionspotenzial“ der jungen Männer.

Die Anwohner werden später in einer gemeinsamen Erklärung gerade dieses massive Vorgehen der Polizei kritisieren. Mehrmals am Tag seien Jugendliche teilweise von den gleichen Polizisten kontrolliert worden. Außerdem wird der Polizei mangelnde Transparenz vorgeworfen. Über die Gründe der verschärften Kontrollen seien die Anwohner nicht informiert worden.

Am Abend des 11.Juli 2013 entlädt sich die Spannung. Als Jugendliche Laserpointer gegen Polizisten einsetzen und anschließend vor der Kontrolle flüchten wollen, geraten beide Seiten aneinander. Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Polizei nimmt 16 Personen fest. Freunde und Familienangehörige eilen herbei. Am Ende sind es 150 Personen, die sich mit den Festgenommenen solidarisieren. In den darauf folgenden Nächten kommt es zu weiteren Auseinandersetzungen, aber die Situation beruhigt sich. Dazu trägt auch ein Gespräch des örtlichen Polizeichefs mit Vätern der betroffenen Jugendlichen bei. In der Folge hält die Polizei sich bei ihrem Auftreten zurück. Die Väter wiederum wirken auf die jüngeren Erwachsenen ein.

Am Ende bleiben viele Fragen, warum es zu diesem Gewaltausbruch gekommen ist und warum der Konflikt offenbar nach wie vor schwelt. Hamburgs städtischer Wohnungskonzern Saga GWG beispielsweise stellte keine „sozialen Auffälligkeiten“ fest, wie es in dem Papier heißt. Die allermeisten Wohnungen seien vermietet, auch gebe es keine auffälligen Vandalismusschäden.

Auch die von den Medien aufgestellte These, die jungen Menschen hätten nach der Sperrung des letzten verfügbaren Sportplatzes keine Möglichkeit mehr, sich zu treffen, scheint so nicht zu stimmen. Wer hinter dem Haus Drei entlangspaziert, findet beispielsweise einen kombinierten Basketball-Fußball-Platz, der wunderbar in Schuss ist.

Es ist inzwischen später Vormittag geworden. Am anderen Ende des August-Lütgens-Parks vertreten Jugendliche sich bei einer Raucherpause die Beine. Vom Spielplatz hinter Haus Drei her tönt Kindergeschrei. Wer auf einer der Bänke Platz nimmt, mag sich nichts anderes als diese Idylle vorstellen können.