Nienstedtener Kirche

Hamburger Kaufmannsfamilie stiftet Cranach-Gemälde

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Jens Meyer-Odewald

Unbezahlbare Kunstschätze: Die beiden 450 Jahre alten Porträts von Luther und Melanchthon werden dauerhaft in dem Gotteshaus ausgestellt.

Hamburg. Nicht nur für Kunsthistoriker und Theologen ist es eine echte Überraschung: Zwei lange verschollene und unbezahlbare Kunstschätze der deutschen Kirchengeschichte aus dem Jahr 1562 werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Dabei handelt es sich um Porträts von Lucas Cranach dem Jüngeren, die das Reformatorenpaar Martin Luther und Philipp Melanchthon zeigen. Kenner sind begeistert. Passend zur "Nacht der Kirchen" am Sonnabend werden die Gemälde in der Evangelischen Kirche in Nienstedten in einer festlichen Zeremonie vorgestellt.

"Das ist ein großartiger Moment - nicht nur für unsere Gemeinde", sagt Pastorin Astrid Fiehland van der Vegt im Namen ihrer Mitstreiter, die seit einem Jahr für den großen Moment arbeiten. Ermöglicht wird dieser letztlich durch eine Schenkung einer Hamburger Kaufmannsfamilie, die der Nienstedtener Gemeinde sehr verbunden ist, aber unbekannt bleiben möchte. Es war ausdrücklicher Wunsch der Erblasserin, dass dieses wertvolle Doppelporträt aus der Cranach-Werkstatt zu Wittenberg nicht in einem Tresor oder Magazin untergebracht, sondern ausgestellt wird.

Am Sonnabend um 19 Uhr ist es so weit. Ein als Tauferinnerungsfest zelebrierter Gottesdienst bietet den würdigen Rahmen für die Präsentation. An der Fachwerkmauer auf der Südseite des Kirchenschiffs werden Luther und Melanchthon dann für jedermann zu sehen sein, als wären die beiden Gelehrten im Gespräch vertieft - während der Öffnungszeiten des Gotteshauses immer sonntags bis 16 Uhr. Mehrere Tage musste die Vergolderin Andrea Theden-Show viel Sachverstand und Fingerfertigkeit aufbringen, um die vor genau 450 Jahren in Öl auf Lindenholz gemalten Kunstschätze fachgerecht in passende Glasvitrinen einzufügen. Diese werden im Mauerwerk fest verankert. Bis zum Wochenende und der "Nacht der Kirchen" werden sie im Tresor der 1751 errichteten Kirche an der Elbchaussee gelagert. Seite an Seite mit Abendmahlgeschirr aus dem 15. Jahrhundert, das die Geschichte eines der ältesten Kirchspiele der Region dokumentiert.

+++ Tue Gutes - und rede nicht drüber +++

+++ Ein Vermächtnis +++

+++ Luther geschenkt +++

"Diese Schenkung an die Nienstedtener Gemeinde ist eine große Bereicherung für die künstlerische Ausstattung dieser schönen Kirche, aber ebenso für ganz Hamburg", sagt Alexander Röder über die Gabe an die Stiftung der Gemeinde. Der Hauptpastor des Michel, der auch den kirchlichen Kunstdienst in der Hansestadt leitet, freut sich mit seinen drei Kollegen in Nienstedten über "ein Kleinod aus der Frühzeit der Reformation", das die Stadt ziere - im Vorfeld des Lutherjahrs 2017 mit den Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation.

"Ich bin beeindruckt", sagt der promovierte Kunsthistoriker Jochen Schröder vom renommierten Kunstforum Matthäus in Hamburg. "Dass jetzt ein so bedeutendes Werk für die Interessierten sichtbar wird, ist ein Gewinn für alle." Die beiden Tafeln seien nicht nur von historischem Gewicht, sondern ganz vorzügliche Gemälde aus der Cranachwerkstatt.

"Die Gesichter gehören zu den besten Arbeiten der damaligen Zeit." Mitarbeiter des für Nienstedten zuständigen Kirchenamts Kiel hätten eine "Gänsehaut" bekommen, als sie von den Kunstschätzen hörten. Nicht nur für Hamburg haben diese einen einmaligen Charakter.

"Die großzügige Schenkung ist ein schönes Beispiel dafür, dass es oft reicher macht, etwas zu verschenken, als es für sich allein zu behalten", sagt Pastorin Fiehland van der Vegt in Bezug auf die aktuelle Schenkung und die Kirchennacht am Wochenende. Die Stifterfamilie sei glücklich, dass sich nun viele mitfreuen können.

"Die Bilder sind nach einer wechselvollen Geschichte in der Kirche angekommen", ergänzt ihre Pastorinnen-Kollegin Vera Lindemann, "auch im übertragenen Sinne." Mit Gottesdiensten, Musik, Lesungen, einer Tombola und Gastronomie wird die rund 4500 Mitglieder zählende Nienstedtener Gemeinde die Präsentation der Kunstschätze würdigen. Teilnehmer aus ganz Hamburg sind willkommen.

Mancher wird sich fragen, wie die bestens erhaltenen Gemäldetafeln mehr als vier Jahrhunderte so unbeschädigt überstanden haben. Wahrscheinlich stammen sie ursprünglich aus Sachsen. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahmen ihre Besitzer sie von Berlin mit auf einen Gutshof in Mecklenburg.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges versteckte eine Hausangestellte die beiden kostbaren Bilder im Heu vor dem Zugriff der russischen Armee. Via München gelangten sie vor ein paar Jahren nach Hamburg. In Nienstedten sollen sie nun ihre endgültige Heimat finden.

Der Wert ist materiell nicht bezifferbar. Neben einer hohen Versicherung wurden die Schlösser der ohnehin stabilen Kirche erneuert. Als weitere Abschreckung dient ein ausgeklügelter Mechanismus: Sollte jemand die Vitrinen von der Kirchwand lösen wollen, wird sofort ein stiller Alarm aktiviert. Und die Turmglocken läuten Sturm.

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