Kinder- und Jugendarbeit

Sozialpädagogin: "Viele wissen nicht, was wir machen"

Ortstermin im Stadtteil- und Kulturzentrum Motte in Ottensen. Die Kinder- und Jugendarbeit dort ist vom Sparpaket des Senats betroffen.

Hamburg. Mit Mikrofon und Aufnahmegeräten in den Händen geht es hinaus aus dem Stadtteil- und Kulturzentrum Motte in die Fußgängerzone an der Ottenser Hauptstraße. Dort stellen die zehn Mädels Passanten Fragen wie "hatten Sie schon mal Kontakt zu Rechtsextremisten?" oder "würden Sie gegen rechts demonstrieren und wenn ja, warum?" Die Mädchen führen Interviews, die meisten von ihnen zum ersten Mal. Am Ende soll eine Radiosendung zum Thema Rechtsextremismus dabei herauskommen und bei Tide 96.0 gesendet werden.

Viel gesendet und geschrieben wird zurzeit auch darüber, dass der Senat im kommenden Jahr in der offenen Jugendarbeit Gelder sparen möchte - bis zu 3,5 Millionen Euro. Das Radioprojekt "Die Ohrlotsen" in der Motte ist ein Beispiel dafür, was sich hinter dem Begriff "offene Kinder- und Jugendarbeit" verbergen kann.

"Bei Kürzungen geht es oft an die Kinder- und Jugendarbeit, weil diese vielen Leuten gar nicht bekannt ist und häufig abstrakt bleibt", sagt Marlis Herkenrath, Sozialpädagogin in der Motte. Sie erklärt ihre Arbeit so: "Wir bieten hier nicht nur Räumlichkeiten, sondern auch Freiräume, die für alle offen sind, in denen sich jeder ausprobieren kann, ganz selbstbestimmt. Wir können die Potenziale von Kindern und Jugendlichen fördern und sind damit eine sinnvolle Ergänzung zur Schule."

+++ In der Motte +++

+++ Sparpläne des Senats +++

+++ SPD spart drastisch bei Kinder- und Jugendhilfe +++

Die Fragen, die die Achtklässlerinnen vom Gymnasium Allee in Altona den Menschen an diesem Vormittag auf der Straße stellen, hatten sie sich kurz vorher zusammen mit den Medienpädagoginnen Andrea Sievers und Stephanie Probst überlegt und oben in einem Raum im ersten Stock in der Motte an der Eulenstraße an eine Tafel geschrieben. Fünfmal wird sich die Gruppe im Laufe der kommenden Wochen für das Radioprojekt treffen. Teilweise während der Schulzeit, denn das Projekt ist eine Kooperation mit ihrer Schule, teilweise arbeiten die Mädchen auch am Nachmittag. Am Rande der Demonstration "Hamburg bekennt Farbe" am morgigen Sonnabend am Rathausmarkt wollen die Schülerinnen auch mit Politikern Interviews führen. Beim 6. Treffen am 18. Juni steht die Livesendung auf dem Programm. "Das ist ein gutes Thema, gerade jetzt in Verbindung mit der Demo gegen rechts", sagt Anna Zoé, 14, die vorher schon in einer Hörspielproduktion mitgemacht hat, also schon ein wenig Radioerfahrung hat.

"Bei der Radioarbeit geht es um Meinungsbildung und Beteiligung", sagt Andrea Sievers. Die offene Kinder- und Jugendarbeit hier in der Motte biete die Möglichkeit, andere Erlebnisräume anzubieten als Schule. "Hier herrscht eine ganz andere Lern- und Arbeitsatmosphäre als in einem Klassenraum. Die Kinder arbeiten selbstständig und unabhängig von irgendwelchen Lehrplänen." Außerdem gebe es kaum einen Lehrer, der solch ein Projekt im normalen Unterricht durchführen könnte - es mangele an der Technik und einem Tonstudio.

"Die Ohrlotsen" sind nur ein Beispiel dafür, was offene Kinder- und Jugendarbeit leisten kann. Allein in der Motte gibt es mehr als 16 unterschiedliche Angebote, wie zum Beispiel Berufsfindungs-Aktionstage für Mädchen in Kooperation mit der Max-Brauer-Schule. Dienstags und donnerstags können Jugendliche mit ihren Hausaufgaben und anderen schulischen Themen in die Motte kommen. Der offene Jugendtreff ist für alle zwischen zwölf und 18 Jahren. In der Werkstatt arbeitet die Sozialpädagogin Sigrun Schindler mit den Kindern handwerklich, mittwochs gibt es Basteln und Werken für Kinder ab vier. Die Motte organisiert Jugendaustauschprogramme.

Seit 35 Jahren ist die Motte eine feste Instanz in der Kulturszene. Erst kürzlich wurde ein neuer Mietvertrag abgeschlossen, der den Standort für die kommenden 30 Jahre sichert. Doch eine der drei festen Stellen soll, geht es nach dem Willen des Senats, eingespart werden. In zwei Jahren ließen sich so 100 000 Euro sparen. Grund: Ottensen habe keine "Benachteiligungsmerkmale" mehr.

Das beurteilt der Jugendarbeiter Fatih Haholu anders. "Hinter den Häuserfassaden sieht es häufig anders aus. Gerade die Migranten wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können, etwa bei Behördengängen und wie man im Dschungel der Gesetze den Mut und die Nerven nicht verliert." Der 42-Jährige spricht Kinder und Jugendliche an, die er auf Plätzen trifft und die nicht wissen, was sie am Nachmittag machen sollen. Diese holt er in die Motte. Zieht der Senat die Einsparungen durch, steht Fatih Haholus Job auf dem Spiel. Er ist einer der drei Festangestellten und erst seit Januar im Team.