Kino-Tipp

Der Kommissar prallt gegen eine Wand aus Schweigen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Kommissar Stein (Trystan Pütter) sucht zwei verschwundene Mädchen.

Kommissar Stein (Trystan Pütter) sucht zwei verschwundene Mädchen.

Foto: - / dpa

Das Gasthaus, in dem der Kommissar aus dem Westen unterkommt, heißt „Hotel Fortschritt“. Ironischer geht es eigentlich nicht. Denn von Fortschritt ist hier, im hintersten Zipfel von Ostdeutschland, auch zwei Jahre nach der Wiedervereinigung nichts zu spüren. Von der einstigen Einheitseuphorie ist nichts geblieben, statt „blühender Landschaften“, wie sie Kanzler Kohl versprach, klaffen überall Brachen, VEB-Ruinen und Hoffnungslosigkeit. Und über allem liegt Tau und Eiseskälte. Deutschland im Frost.

Christian Alvarts Film „Freies Land“ ist ein Krimi, der 1992 spielt. Und doch viel mehr: eine Diagnose zur Seelenlage der Nation. Zwei Mädchen sind verschwunden im Provinzkaff, in das Kommissar Patrick Stein (Trystan Pütter) geschickt wird. Die Bewohner scheinen davon reichlich ungerührt, sogar die Mutter (Nora Waldstätten). Es sind genug Menschen weggezogen, in den Westen. Was zählen da zwei mehr oder weniger? Auch die vermissten Mädchen wollten fort, nach Berlin. Sie kamen da aber nie an. Sondern tauchen in der Oder wieder auf. Ermordet, misshandelt und verstümmelt. Offenbar ist dies eine Wiederholungstat.

Der Kommissar aus dem Westen prallt gegen eine Wand des Schweigens. Auch beim Kollegen aus dem Osten, Markus Bach (Felix Kramer), der ihm zugeteilt wird und für den die DDR weiter zu existieren scheint. Bach schüchtert jedenfalls ungeniert Menschen im Verhör ein, schlägt sie sogar, und zapft auch Telefonleitungen von Leuten an, die nicht aussagen wollen. Stasimethoden, die der Idealist aus dem Westen nicht gutheißen kann.

Ein größeres Gegensatzpaar als das Weichei aus dem Westen und der Zyniker aus dem Osten kann man sich kaum vorstellen. Sie müssen zusammenarbeiten, ob sie wollen oder nicht. Und am Ende wird keiner von beiden unbeschädigt vom Platz gehen.

Seit Jahren beackert Regisseur Christian Alvart das im deutschen Kino recht rare Action- und Genrekino. Ob in Til-Schweiger-Tatorten, der Serie „Dogs Of Berlin“ oder dem Fitzek-Thriller „Abgeschnitten“: Keiner weiß wie er, Spannungskino zu inszenieren. „Freies Land“ überrascht in dieser Filmografie. Weil es hier einmal weniger um Action und Suspense geht als um ein Land in Agonie. Und um die Schatten der Vergangenheit. Dabei ist Alvarts Werk das Remake eines spanischen Films: „La isla mínima – Mörderland“ von Alberto Rodriguez, der vor fünf Jahren vom spanischen Umbruch in den ersten Jahren nach der Franco-Diktatur erzählte. Ohne die Handlung groß zu verändern, übertrug Alvart den Stoff ganz auf deutsche Verhältnisse. Und aufs deutsche Klima. Statt der sengenden andalusischen Sonne überzieht er seinen ganzen Film mit frühwinterlichem Raureif.

Es ist ein düsterer Thriller, weil der eine Polizist brachial Stasi-Methoden anwendet und selbst gegen innere Dämonen kämpft. Während der andere, der zunächst noch aufrecht scheint, zunehmend desillusioniert wird und am Ende selbst Hardliner-Methoden anwendet. Kurz nach dem Jubiläum 30 Jahre Mauerfall scheint der Film irgendwie falsch terminiert. Und kommt doch zur rechten Zeit. Mögen die versprochenen Landschaften inzwischen wirklich blühen, fühlen sich viele Menschen im Osten noch immer abgehängt und aufgegeben. Was die Gesellschaft spaltet und sich nicht zuletzt bei den jüngsten Wahlen abzeichnet. Die Politiker haben allzu lange über die maroden Verhältnisse hinweggesehen. Dieser Film mit seinem fast höhnischen Titel schaut dagegen ganz genau darauf. Und auf die Narben, die sie hinterlassen haben.

„Freies Land“ D 2019, 129 Minuten ab 16 Jahren, Regie: Christian Alvart, Darsteller: Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten, im Schanzenkino (DF + OmeU)

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