Kino-Tipp

Kammerspiel mit Katja Riemann im Zeise-Kino

Ratlose Mutter: Katja Riemann spielt Kristin Dibelius, die ihren Sohn zunächst nicht mehr erreicht. Dann nimmt sie anonym Kontakt zu ihm auf.

Ratlose Mutter: Katja Riemann spielt Kristin Dibelius, die ihren Sohn zunächst nicht mehr erreicht. Dann nimmt sie anonym Kontakt zu ihm auf.

Foto: Tobias Bergunde / dpa

Zwei Jahre ist es her, dass Kristin Dibelius (Katja Riemann) mit ihrem Sohn David (Nils Rovira-Munroz) gesprochen hat. Dabei leben sie unter einem Dach in der gemeinsamen Drei-Zimmer-Wohnung. Er hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und kommt nur heraus, wenn er sich sicher sein kann, seine Mutter nicht zu treffen. Die Alleinerziehende wiederum merkt überhaupt nur, dass es ihn noch gibt, wenn die Zahl der Pizzen im Kühlschrank langsam abnimmt. Ob sie in dieser verfahrenen Situation keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will? „Das habe ich versucht. Das mache ich nicht noch einmal“, wehrt sie ab.

Bewegung kommt in die erstarrte Situation, als Kristin ihren Job in der Bank verliert. Intensiver als zuvor versucht sie die Gründe für das Verhalten von David zu erforschen. Sie trifft seine Ex-Freundin Fiona und versucht von ihr mehr zu erfahren. Auch sie hat David lange nicht gesehen und fragt nach ihm. Er sei in den USA, erzählt Kristin ihr, aber Fiona will das nicht glauben. „David ist niemals in Texas“, ist sich die Ex-Freundin sicher. Kristin erfährt aber von ihr, dass ihr Sohn sich für Drachenbau interessiert und in einem entsprechenden Internetforum unterwegs ist. Auch sie loggt sich dort unter dem Namen Cinderella 97 ein und beginnt mit Goliath 96 zu chatten, ihrem Sohn. Zuerst ist auch dieser Kontakt schwierig, aber in seinen Mails beginnt David Vertrauen zu Cinderella zu fassen. Und dann beginnt er auch noch sich in sie zu verlieben. Die Lage wird noch komplizierter.

„Goliath96“ ist das Regiedebüt von Marcus Richardt, der an der HfbK studiert hat. Gedreht hat er diesen Film, der durchsetzt ist von Rückblenden, in Hamburg. Richardt, der zusammen mit Thomas Grabowsky auch das Drehbuch geschrieben hat, sagt über seinen Film: „Den Widerspruch zwischen permanenter Verfügbarkeit durch Kommunikation und gleichzeitiger Vereinsamung und Individualisierung finde ich spannend und erschreckend zugleich.“ Er hat aus dieser Konstellation ein Kammerspiel gemacht, das zugleich eine Steilvorlage für Katja Riemann ist, die hier eine große Palette von Emotionen ausbreiten kann. Die Kommunikationssituation bringt es allerdings auch mit sich, dass man den Darstellern oft beim Schreiben oder Empfangen von Texten zusehen muss. Visuelles erzählen sieht anders aus.

Regisseur und Hauptdarstellerin kommen heute zur Deutschland-Premiere ins Zeise. Am Mittwoch stellen beide den Film erneut im Studio vor.